Es ist mitten in der Nacht. Der Körper ist schwer, die Augen brennen und der Wecker wird schon bald läuten. Trotzdem kreisen die Gedanken: Ist alles erledigt? War die Vorbereitung gut genug? Hätte man in einem Gespräch anders reagieren sollen?
Viele kennen diesen Zustand. Man ist körperlich völlig erschöpft, gleichzeitig läuft der Kopf auf Hochtouren. Das wirkt widersprüchlich, hat aber einen biologischen Grund: Das Gehirn schaltet nicht automatisch ab, nur weil der Körper müde ist.
Vor allem bei hoher oder dauerhafter Belastung können Erschöpfung und Schlaflosigkeit gemeinsam auftreten. Dahinter steckt ein uralter Überlebensmechanismus.
Früher musste der Mensch auf unmittelbare Gefahren reagieren. Tauchte ein Raubtier auf, zog ein schwerer Sturm auf oder näherte sich eine feindliche Gruppe, musste der Körper innerhalb weniger Sekunden bereit sein.
Dabei aktiviert das Gehirn die Kampf- oder Flucht-Reaktion. Stresshormone wie Adrenalin und Cortisol werden ausgeschüttet. Der Herzschlag steigt, die Atmung verändert sich und die Aufmerksamkeit wird erhöht.
Das war über viele Jahrtausende entscheidend für das Überleben. Heute sehen die Bedrohungen meist anders aus. Statt eines Säbelzahntigers warten ein voller E-Mail-Posteingang, finanzielle Sorgen, Streit, beruflicher Druck oder ständig neue Nachrichten am Handy.
Das Problem: Diese Belastungen verschwinden nicht nach wenigen Minuten. Das Smartphone liegt oft neben dem Bett, Mails kommen rund um die Uhr herein und soziale Medien liefern ständig neue Reize.
Am Abend verhilft normalerweise das Hormon Melatonin zu einem natürlichen Schlaf-Wach-Rhythmus. Bei anhaltendem Stress kann dieser Vorgang jedoch gestört werden. Dadurch bleiben jene Bereiche im Gehirn aktiv, die für Aufmerksamkeit und Wachsamkeit zuständig sind. Aus Angst, eine Bedrohung zu übersehen.
Auch Cortisol spielt eine wichtige Rolle. Das Stresshormon ist in der Früh höher und sollte im Laufe des Tages sinken. Bei chronischem Stress kann der Wert jedoch länger erhöht bleiben. Dadurch fällt es dem Körper schwerer, am Abend zur Ruhe zu kommen.
Künstliches Licht verstärkt das Problem. Vor allem helles Licht von Smartphones, Tablets oder Computern kann die Produktion von Melatonin hemmen.
Dazu kommt die ständige geistige Anregung. Wer kurz vor dem Einschlafen durch Nachrichten, Videos oder soziale Medien scrollt, liefert dem Gehirn laufend neue Reize. Neuigkeiten, Unsicherheit und starke Gefühle halten die Aufmerksamkeit aufrecht.
Ein müdes Gehirn kann Gefühle schlechter einordnen. Schlafmangel kann Sorgen daher zusätzlich verstärken. Ein müdes Gehirn kann Gefühle schlechter einordnen. Probleme wirken in der Nacht deshalb oft größer und bedrohlicher als untertags.
Der Satz "Entspann dich einfach" hilft dann kaum weiter, da übermäßige innere Anspannung kein Zeichen von mangelnder Willenskraft ist. Laut der Anatomieprofessorin Michelle Spear von der University of Bristol handelt es sich um einen biologischen Zustand, an dem Stresshormone, Aufmerksamkeit und erlernte Wachsamkeit beteiligt sind.
Trotzdem lässt sich die Spirale durchbrechen. Wichtig sind regelmäßige Abläufe, ausreichend Bewegung und Tageslicht. Wer untertags Zeit im Freien verbringt, unterstützt den natürlichen Rhythmus des Körpers.
Am Abend sollte die Zahl der Reize langsam reduziert werden. Es kann helfen, das Handy früher wegzulegen, das Licht zu dimmen und jeden Abend ähnliche Abläufe einzuhalten.
Auch einfache Rituale können helfen. Dazu gehören ein ruhiges Buch, eine Tasse Tee oder das Aufschreiben von Gedanken und Aufgaben. So muss der Kopf offene Punkte nicht ständig wiederholen.
Wer längere Zeit schlecht schläft, tagsüber stark beeinträchtigt ist oder regelmäßig stundenlang wach liegt, sollte ärztlichen Rat einholen. Hinter Schlafproblemen können auch körperliche oder psychische Ursachen stecken.
Wer todmüde und trotzdem hellwach ist, stellt sich also nicht an. Oft versucht das Steinzeitgehirn nur, uns vor Gefahren zu schützen, die längst keine Säbelzähne mehr haben.