Frankreich erlebt die bisher schwerste Phase der landesweiten Schülerproteste. In mehreren Städten kam es am Dienstag erneut zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei. In Straßburg, Lyon und Rennes setzte die Polizei Tränengas ein, während Demonstranten Gegenstände warfen und teilweise Feuer auf den Straßen entzündeten. Gleichzeitig gingen landesweit Zehntausende Menschen gegen die Zustände an den Schulen auf die Straße.
Nach Angaben des französischen Innenministeriums wurden seit Beginn der Proteste mehr als 6.100 Menschen festgenommen, die meisten davon Minderjährige. Mehr als 1.800 Menschen müssen sich laut Justizministerium Ermittlungen stellen. Premierminister Sébastien Lecornu sprach von den gewalttätigsten Schülerprotesten seit Jahrzehnten. Präsident Emmanuel Macron berief angesichts der Lage ein Krisentreffen ein.
Die Proteste hatten Mitte September in den Vororten von Paris begonnen und sich anschließend auf zahlreiche Regionen ausgeweitet. Die Jugendlichen kritisieren unter anderem fehlende Lehrkräfte, überfüllte Klassen und den Zustand vieler Schulgebäude. Berichtet wird von Wasserschäden und weiteren Problemen an den Schulen. Auch lange Schultage und die Belastung durch das französische Hochschul-Aufnahmesystem Parcoursup sorgen für Unmut.
Wie groß die Mobilisierung inzwischen ist, zeigen auch die Zahlen zu den Schulen. Nach Angaben des französischen Bildungsministeriums waren am Dienstag 891 der insgesamt rund 3.700 Gymnasien im Land ganz oder teilweise vom Unterricht betroffen. Die Schülergewerkschaft sprach von noch höheren Zahlen und meldete zahlreiche blockierte oder geschlossene Schulen.
In mehreren Städten gingen nicht nur Schüler auf die Straße. Auch Eltern, Lehrer und Gewerkschaften beteiligten sich an den Kundgebungen. Das Innenministerium zählte bis zum Nachmittag rund 86.000 Teilnehmer bei Demonstrationen außerhalb der Hauptstadt. Für Paris wurden weitere Zehntausende Teilnehmer erwartet.
Viele Demonstrationen verliefen friedlich. In einzelnen Städten schlug die Stimmung jedoch um. In Rennes füllte sich eine zentrale Straße mit Tränengas, nachdem es zu Auseinandersetzungen gekommen war. Auch in Lyon kam es neben einem weitgehend friedlichen großen Protestzug zu Zwischenfällen mit Sicherheitskräften.
Besonders schwer wiegt ein Vorfall vom Montag. Ein 15-jähriger Jugendlicher verlor im Norden Frankreichs eine Hand und Teile des Arms, nachdem er nach Angaben französischer Medien eine Polizeigranate aufgehoben hatte. Der Vorfall hat die Diskussion über den Einsatz von Polizeigewalt bei den Demonstrationen weiter verschärft.
Nach Angaben der Regierung wurden seit Beginn der Proteste mindestens 215 Jugendliche und 85 Beschäftigte an Schulen verletzt. Zudem wurden mehr als 700 Polizisten und Gendarmen verletzt. Die französische Polizei steht gleichzeitig wegen ihres Vorgehens unter Beobachtung. Die französische Polizeiinspektion IGPN hat inzwischen zehn Untersuchungen im Zusammenhang mit dem Protestgeschehen eingeleitet.
Innenminister Laurent Nuñez verteidigte das Vorgehen der Sicherheitskräfte und erklärte, die Einsätze seien weitgehend verhältnismäßig gewesen. Die Regierung betont zugleich, dass Gewalt gegen Polizisten und Sachbeschädigungen nicht hingenommen würden.
Premierminister Lecornu versucht inzwischen, die inhaltlichen Forderungen der Jugendlichen aufzugreifen. Die zuständigen Minister sollen bis Ende Oktober konkrete Vorschläge vorlegen. Dabei geht es unter anderem um die Besetzung fehlender Lehrerstellen und die Sanierung maroder Schulgebäude. Auch die Bedingungen im Schulalltag sollen überprüft werden.
Die Umsetzung könnte allerdings teuer werden. Frankreich kämpft mit einem hohen Haushaltsdefizit und steigenden Finanzierungskosten. Die politische Auseinandersetzung über die künftigen Staatsausgaben verschärft sich damit parallel zu den Schülerprotesten.
Auch die Parteien versuchen, die Proteste politisch einzuordnen. Regierung und der rechtspopulistische Rassemblement National werfen der linken Partei La France insoumise vor, die Demonstrationen anzustacheln. Die Partei weist diesen Vorwurf zurück. Gleichzeitig beteiligen sich Abgeordnete aus mehreren linken Parteien an den Kundgebungen.
Die Proteste fallen zudem in eine politisch besonders sensible Phase. Frankreich steuert auf die Präsidentschaftswahl 2027 zu. Die Auseinandersetzung über Bildung, staatliche Ausgaben und die Behandlung der Jugendlichen durch die Polizei dürfte deshalb auch die politische Debatte der kommenden Monate beeinflussen.