Noch während die Eltern am Mittwoch gegen 7.00 Uhr früh ihre Kleinsten im spanischsprachigen Kindergarten "Rayito de Sol" abgaben, stürmten plötzlich mehrere schwarz vermummte Personen das Gebäude im Norden der US-Großstadt Chicago.
Viele Eltern und Mitarbeiter gingen von einem "Angriff" auf die Betreeuungseinrichtung aus und verbarrikadierten sich panisch in den Räumen oder flüchteten zu Fahrzeugen auf dem Parkplatz. Eine Kindergärtnerin versteckte sich mit einem dreijährigen Schüler über eine halbe Stunde lang im Auto eines Kollegen, wie die "Washington Post" aus Zeugenaussagen erfuhr.
Dass es sich bei den maskierten, bewaffneten Männern um staatliche Sicherheitsorgane handelte, war in der überfallsartigen Situation für viele offenbar nicht sofort erkennbar. Die Beamten trugen jedenfall schwarze Westen mit der Aufschrift "Police ICE".
Auslöser des Einsatzes war eine versuchte Fahrzeuganhaltung durch die US-Einwanderungsbehörde ICE (Immigration and Customs Enforcement). Da sich das Fahrzeug der Anhaltung entzog, nahmen die ICE-Beamten in ihren schwarzen SUVs mit Sirene und Blaulicht die Verfolgung auf.
Die Verfolgungsjagd endete auf einem Parkplatz, von wo aus die Frau in den spanischsprachigen Kindergarten "Rayito de Sol" flüchtete. Die Einrichtung betreut Kinder im Alter von sechs Wochen bis fünf Jahren. Über den männlichen Fahrer, der ebenfalls zu Fuß flüchtete, ist nichts bekannt.
Was dann geschah, wurde von mehreren Überwachungskameras festgehalten und sorgt nun für Diskussionen: Laut Stadtparlamentarier Matt Martin, der den betroffenen Bezirk Northside im städtischen Parlament vertritt, sollen mindestens vier Klassenräume durchsucht worden sein. Auch nachdem die Frau bereits festgenommen war, habe ein Beamter weiterhin Räume durchsucht – so seine Aussage.
Die Festnahme der schließlich als Diana Santillana Galeano identifizierten Frau erfolgte schließlich in einem Raum vor mehreren Kleinkindern. Die Frau rief: "Yo tengo papeles!" – "Ich habe Papiere!". Die Kinder begannen zu weinen.
Juristisch wirft der Einsatz viele Fragen auf. Laut US-Verfassung dürfen Beamte eine private Einrichtung nur in Ausnahmefällen ohne richterlichen Beschluss betreten – etwa im Rahmen einer sogenannten "Hot-Pursuit"-Verfolgung. Dafür müssten drei Bedingungen erfüllt sein: ein konkreter Verdacht auf eine Straftat, durchgehender Sichtkontakt zur flüchtenden Person und eine unmittelbar drohende Gefahr. Ob alle drei Bedingungen erfüllt waren, erscheint nach den bisher vorliegenden Informationen fraglich.
Bis Anfang 2025 waren Kindergärten durch eine ICE-interne Richtlinie als sogenannte "sensitive locations" geschützt. Dort durften Einsätze nur mit ausdrücklicher Genehmigung erfolgen – zum Schutz von Kindern und des öffentlichen Vertrauens. Diese Schutzregel wurde von der Trump-Regierung aufgehoben. Der aktuelle Fall ist einer der ersten unter der neuen Linie.
Welcher konkrete Verdacht auf eine Straftat Anlass zur Verfolgung der Frau war, blieb zunächst unklar. Tricia McLaughlin, Sprecherin des Heimatschutzministeriums, erklärte später auf X jedoch: "Bundesbeamte haben eine Person, die nach ihrer Abschiebung illegal wieder in die USA eingereist war, sicher festgenommen – im Einklang mit Bundesrecht und behördlichen Vorschriften. Falsche politische Erzählungen ändern nichts an den Fakten."
Ob tatsächlich eine illegale Wiedereinreise vorlag und ob der Einsatz formell korrekt ablief, ist bislang nicht unabhängig bestätigt. Erst im Oktober, als die Besorgnis über mögliche Kontrollen zunahm, teilte die Einrichtung den Eltern in einer schriftlichen Mitteilung mit, dass alle Mitarbeiter "entsprechende Dokumente verfügen, die ihre Arbeitsberechtigung in den Vereinigten Staaten belegen" und saubere Leumundszeugnisse, also keine Vorstrafen, aufweisen. Die 14 Kleinkindgruppen werden von Lehrkräften aus ganz Mittel- und Südamerika unterrichtet, die laut Angaben der Eltern über eine hohe Qualifikation verfügen.
Weiters kritisierte die Leitung von "Rayito de Sol", dass die ICE-Beamten "das Gelände betreten" hätten, "obwohl Schilder darauf hinwiesen, dass es sich um ein Privatunternehmen handelt und die Beamten keinen richterlichen Durchsuchungsbefehl vorlegen konnten."
Stadtrat Martin erkläre nach dem Einsatz gegenüber der "Chicago Sun Times": "Es ist wichtig zu verstehen, dass Kindertagesstätten und Schulen wertvolle Orte in unserer Stadt sind (...) Sie bilden unsere Kinder aus und fördern sie. Was die Einwanderungsbehörde ICE heute getan hat, hat genau dieses Sicherheitsgefühl zerstört, das die Erzieher und Eltern der Rayito del Sol-Schule mühsam aufgebaut haben."
Er sagte, andere Lehrer hätten versucht, den Beamten die Papiere von Frau Diana vorzuzeigen, doch sie sei trotzdem abgeführt worden. Die Familie der Lehrerin sei über die Festnahme informiert und mit einem Anwalt für Einwanderungsrecht in Kontakt gebracht worden, fügte er hinzu.
Die Kongressabgeordnete Delia Ramirez wirft ICE gezielte Täuschung vor und will das Videomaterial öffentlich machen. "Diese Operation war nicht nur unverantwortlich – sie war gefährlich", so Ramirez.
"Man sollte meinen, wenn jemand Papiere hat, würde er sie einsehen wollen, und es gäbe vielleicht eine friedliche Lösung", erzählt Sarah Wirth, Mutter eines in der Einrichtung betreuten Kindes. "Aber stattdessen sieht man, wie diese Frau, die ihren Lebensunterhalt mit der Kinderbetreuung verdient, aus ihrem Arbeitsplatz gezerrt wird", so Wirth zur Chicago Sun Times. "Als Mutter kann ich es nicht fassen, dass ich mir jetzt Sorgen machen muss, meine Kinder an einen Ort zu schicken, an dem sie sicher sein sollten", sagte sie.
"Sie ist ein wundervoller Mensch, eine Mutter, ein hervorragendes Mitglied der Gemeinde und ein geschätztes und hochgeschätztes Mitglied der Rayito-Gemeinschaft", sagte Tara Goodarzi, eine Anwältin, deren Kind die Schule besucht. "Wir haben absolut keine Ahnung, warum sie ins Visier genommen wurde."