Das Internationale Olympische Komitee (IOC) führt zur Klärung der Startberechtigung in Frauenwettbewerben genetische Geschlechtstests ein. Die Regelung gilt ab den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles und umfasst sowohl Einzel- als auch Teamsportarten. Es ist ein Wendepunkt in der Debatte um Geschlechteridentität im Sport. Geschlechtstests bei Olympia hatte es zuletzt 1996 in Atlanta gegeben. "Heute" klärt die wichtigsten Fragen.
Um die Teilnahme auf "biologische Frauen" zu beschränken, wie das IOC formuliert, wird ein voraussichtlich einmaliges SRY-Gen-Screening obligatorisch. Das SRY-Gen sitzt auf dem Y-Chromosom und setzt im Regelfall eine männliche Geschlechtsentwicklung in Gang. Die Untersuchung kann per Speichelprobe, Wangenschleimhautabstrich oder Blutuntersuchung erfolgen. Das IOC will mit der Maßnahme für "Fairness und Sicherheit auf dem Spielfeld" sorgen, es folgt dem Beispiel verschiedener Weltverbände (Boxen, Leichtathletik). Männliche Chromosomen seien ein Vorteil in Sportarten, bei denen es auf Kraft oder Ausdauer ankomme, so das IOC.
Die Maßnahme schließt faktisch Transgender-Athletinnen und einen Großteil der intersexuellen Athletinnen, die zwar genetische Variationen aufweisen, aber von Geburt an als weiblich gelten, vom Frauensport aus. Von der Regelung ausgenommen sind Athletinnen, die eine "vollständige Unempfindlichkeit gegenüber Androgenen" oder anderen seltenen Varianten/Störungen der Geschlechtsentwicklung (DSD) nachweisen können, und nicht von den leistungssteigernden Effekten von Testosteron profitieren.
"Ich bin sehr stolz auf diese Arbeit", sagte IOC-Präsidentin Kirsty Coventry. Der "Schutz der Frauenkategorie" war eines der großen Anliegen der Nachfolgerin von Thomas Bach, die seit dem vergangenen Juni im Amt ist. In einer entsprechenden Arbeitsgruppe hätten intensive Beratungen von Kapazitäten aus verschiedenen Bereichen der Wissenschaft stattgefunden, so die Simbabwerin. US-Präsident Donald Trump, dessen Land Gastgeber der nächsten Sommerspiele ist, gratulierte dem IOC via Truth Social "zur Entscheidung, Männer vom Frauensport auszuschließen". Diese geschehe, führte er aus, "nur dank meiner wirkungsvollen Anordnung, mit der ich mich für Frauen und Mädchen einsetze". Auch das Weiße Haus sprach von einem "großen Sieg". Mit der IOC-Maßnahme ist ein potenzieller Konflikt mit Trump in dieser Frage, die auch über den Sport hinaus polarisiert, nun vorzeitig abgeräumt.
Ja. Kritiker - vor allem aus der Wissenschaft oder von Menschenrechtsorganisationen - verweisen darauf, dass die vorgesehenen Tests die Privatsphäre verletzen würden. Die bloße Fokussierung auf biologische Merkmale werde zudem der Komplexität der Geschlechtsidentität nicht gerecht. Weiter sei an den vor 30 Jahren abgeschafften Gentests in der Zwischenzeit nichts verändert worden.
Ein Graubereich ist getilgt. Zudem ist eine Beweislastumkehr entstanden, welche Sportlerinnen unter Druck setzt, die in die Kategorie Intersexualität fallen. Also Menschen, bei denen sich Geschlechtsmerkmale – wie Chromosomen, Geschlechtsdrüsen oder Genitalien - nicht eindeutig der medizinischen Norm für weibliche oder männliche Körper zuordnen lassen. Es drohen bis zu den nächsten Sommerspielen in gut 27 Monaten vermehrt Einzelfallentscheidungen, die vor Gericht enden könnten und bei denen Gutachter eine entscheidende Rolle spielen. Die Kostenlast läge bei den Aktiven, die ihren Start in der Frauenkategorie erwirken wollen. Und: Die im Sport oft beschworene Inklusion geht in diesem Bereich verloren.