Für Valerie Lenk war das Leben lange ein täglicher Kraftakt. "Mir wurde bei der Geburt das männliche Geschlecht zugewiesen. Aber ich habe irgendwann gemerkt: Das bin ich nicht." Trotzdem hielt sie die Fassade aufrecht – fast zwei Jahrzehnte lang. Nach außen erfolgreich, im Inneren voller Zweifel.
"Es ist eine Rolle, die du spielst. Solange du psychische Stärke hast, kannst du sie aufrechterhalten. Aber irgendwann bricht sie." Der Bruch kam bei ihr mit voller Härte: "Durch berufliche Belastungen kam ich ins Burnout. Da hatte ich keine Ressourcen mehr, die Fassade weiterzutragen. Es ging einfach nicht mehr."
Begleitet von Psychotherapie wagte die heute 49-Jährige den Weg in ihr wahres Leben. Doch das Outing war kein leichter Schritt. "Viele in meinem Umfeld waren überrascht, manche überfordert. Ich hatte meinen Weg schon weit gegangen, bevor ich darüber sprach – für manche kam das wie eine Bombe."
Valerie verlor Menschen, aber gewann Selbstbestimmung. "Plötzlich war da keine Maske mehr. Ich war einfach ich." Doch schnell wurde klar: Ihre Geschichte sollte nicht nur ihr helfen, sondern auch anderen.
Die Idee entstand während der Pandemie. "Meine Therapeutin schlug vor, eine Selbsthilfegruppe zu suchen. In Wien gab es aber nur eine einzige – zehn Plätze, und die waren voll. Sie meinte dann scherzhaft: ,Na, warum gründest du nicht eine?‘" Valerie nahm die Idee ernst.
"Ich habe einen Raum organisiert, ein Freund entwarf Grafiken. Ich verschickte Infos an TherapeutInnen, Psychiater und ÄrztInnen. Wenige Wochen später stand ich da – und gleich bei der ersten Sitzung kamen Leute." Der Zuspruch war groß, die Nachfrage konstant.
Heute leitet Valerie gemeinsam mit Pedro die Selbsthilfegruppe trans*vielfalt. Hier sprechen Trans-Personen, nicht-binäre und queere Menschen über Alltag, Coming-out, Diskriminierung – und über Praktisches wie Behördenwege oder medizinische Fragen. Ziel: ein "safer space", in dem niemand allein bleibt.
Die Treffen finden jeden 2. & 4. Mittwoch um 18:00 Uhr statt, Ort nach Anmeldung, Kontakt: [email protected]. Teilnahme kostenlos & vertraulich. Mehr Infos bietet der Verein auf transV.at.
Der Fokus liegt auf einem "safer space" – einem geschützten Rahmen, in dem niemand bewertet wird. "Es ist ein Raum, in dem man sagen kann: ,Ich bin, wie ich bin – und das ist in Ordnung.‘ Für viele ist das ein völlig neues Gefühl."
Für Valerie ist die Gruppe aber nur der Anfang. Sie gründete auch einen Verein, der Empowerment, Dialog und Inklusion fördern soll. "Meine Wunschvorstellung ist eine Gesellschaft, in der jeder Mensch gleich viel wert ist – egal, welches Geschlecht, welche Hautfarbe, welche Religion. Vielfalt macht unser Leben nicht komplizierter, sondern bunter."
Dass Menschen mit unterschiedlichen Lebenswegen zusammenkommen, ist für sie ein Gewinn. "Wir alle profitieren, wenn wir andere Perspektiven kennenlernen. Das macht den grauen Alltag spannender und schafft Respekt."