"Ich habe schon als Kind unser Badezimmer zur Dunkelkammer umfunktioniert", lacht Renate Schwarzmüller im Gespräch mit "Heute". Seit sie denken kann, spielt die Fotografie eine große Rolle im Leben der gebürtigen Steyrerin. "Früher war es für mich irgendwie Magie, Zauberei. Bald hatte ich selbst eine Kamera und die Fotografie begleitet mich seitdem."
Die heute 50-Jährige absolvierte eine Ausbildung, nahm an Workshops teil und setzt nun ihre eigenen Projekte um. Bereits nach dem Terroranschlag in Wien sorgte sie mit dem Projekt "Herz.Schritt" für Aufsehen, als sie Spazierrouten auf Google Maps in Herzform sammelte.
Ein Besuch am Familienplatz brachte sie schließlich auf eine besondere Idee: "Mir ist eine Statue aufgefallen, ich hatte sie dann als Marterl in Erinnerung", erzählt sie. "Sie stand neben der stark befahrenen Straße, aber wenn man den Verkehr ausgeblendet hat, hätte es auch irgendwo sein können, eher in ländlicher - eben Dorfgegend. So ist die Idee entstanden, Stadtbilder so einzufangen, dass die Großstadt Wien ausgeblendet wird."
Zu Beginn des Jahres startete Schwarzmüller ihr Projekt, erstellte einen Online-Fragebogen, in dem sie ihre eigene Definition von "Dorf" hinterfragt hat. 850 Menschen beteiligten sich bisher daran. Zunächst möchte die Wahl-Wienerin jene Stadtteile abklappern, die das Wort "Dorf" im Namen tragen – von Hütteldorf, über Atzgersdorf, Pötzleinsdorf oder Nussdorf. Danach plant sie, auch soziale Aspekte, wie das Thema Stammtisch oder Nachbarschaftsnähe aufzugreifen. Enddatum gibt es keines, Ziel sind aber die Publikation eines Buches und eine Ausstellung.
Für die Fotografin ist wichtig, öffentlich unterwegs zu sein: "So bekomme ich die Umgebung und deren Leute schon einmal mit." Besonders der Kontrast interessiert die 50-Jährige: "Wien ist eine Großstadt mit fast zwei Millionen Einwohnern, und trotzdem gibt es Orte, an denen man plötzlich das Gefühl hat, irgendwo am Land zu sein. Das kann durch kleine Gassen, alte Häuser, Gärten oder bestimmte Plätze sein, aber auch durch Stimmungen, Begegnungen oder Rituale."
"Dorf" sei nicht nur ein geografischer Begriff, sondern beschreibe ein Gefühl – Sicherheit, Gemeinschaft, Bekanntheit, aber auch Kontrolle oder Enge – ist sich Schwarzmüller sicher. "Mit dem Projekt möchte ich sichtbar machen, dass Wien aus vielen kleinen Welten besteht, die oft übersehen werden." Die Fotos müssten nicht technisch perfekt sein, wenn sie Emotionen transportieren, dabei ginge es in der Fotografie. "Ich will Menschen mit außergewöhnlichen Perspektiven überraschen und Dinge sehen, die anderen unentdeckt bleiben. Das macht Spaß!"
Zudem möchte sie Menschen dazu bringen, genauer hinzuschauen. "Viele gehen täglich an Orten vorbei, ohne sie wirklich wahrzunehmen. Mich interessiert das Unspektakuläre, das leicht Übersehbare. Wenn jemand durch meine Bilder plötzlich denkt "Diesen Ort kenne ich eigentlich ganz anders" oder "So habe ich Wien noch nie gesehen", dann freut mich das sehr. Außerdem möchte ich zeigen, dass eine Stadt nicht nur aus Sehenswürdigkeiten besteht. Oft erzählen kleine Details, Wirtshäuser, Gartenzäune, alte Fassaden oder Begegnungen viel mehr über eine Stadt und ihre Menschen als die bekannten Postkartenmotive."
Bei ihren Touren kommt es manches Mal auch zu besonderen Begegnungen: "Sehr witzig fand ich, als mir in Stammersdorf Gänse auf der Straße entgegenkamen und mir ein mehr als außergewöhnliches Großstadtbild boten - perfekt für Wien is a Dorf." Einer ihrer Lieblingsorte, so Schwarzmüller, ist die Jubiläumswarte in Ottakring und der Blick über Wien. Wer selbst den Fragebogen ausfüllen möchte, kann das hier tun.