Was wie ein aussichtsloser Vermisstenfall begann, endete mit einer spektakulären Rettung im Tiroler Außerfern. Ein 44-jähriger deutscher Bergsteiger überlebte einen rund 150 Meter tiefen Absturz in hochalpinem Gelände – und verbrachte danach die ganze Nacht schwer verletzt im Freien.
Der Mann war am Dienstag nach einer Wanderung nicht in seine Unterkunft zurückgekehrt. Als er auch telefonisch nicht erreichbar war, schlug der Wirt Alarm. Feuerwehr, Polizei, Suchhunde und Bergretter suchten stundenlang nach dem Vermissten. Das Wetter machte den Einsatz besonders schwierig: Regen, Nebel, tiefe Temperaturen und sogar Neuschnee erschwerten die Suche.
Weil niemand wusste, welche Route der Deutsche gewählt hatte, standen die Einsatzkräfte vor einer enormen Herausforderung. "Es war eine brutal schwierige Suche nach der sprichwörtlichen Nadel im Heuhaufen", schilderte Einsatzleiter Marvin Kärle von der Bergrettung Elbigenalp der "Tiroler Tageszeitung".
Gegen 1.30 Uhr musste die Suche vorerst abgebrochen werden. Erst am Mittwochmorgen konnten die Einsatzkräfte gemeinsam mit dem Rettungshubschrauber RK-2 erneut ausrücken. Mehrere Bergretter wurden ins alpine Gelände geflogen.
Kurz nach 11 Uhr dann die erlösende Nachricht: Der Vermisste wurde im Bereich des Gumpensattels auf rund 2.200 Metern Seehöhe entdeckt. Schwer verletzt lag er auf einem Schneefeld, die Lippen und Hände bereits tiefblau vor Kälte.
Nach bisherigen Erkenntnissen dürfte der 44-Jährige im Bereich des Strahlkopfes abgestürzt sein und über eine steile, felsdurchsetzte Flanke rund 150 Meter in die Tiefe gestürzt sein. Die Bergrettung vermutet, dass sich der Mann danach noch selbst in eine geschützte Mulde schleppte.
"Bei ihm hat offenbar der totale Überlebensinstinkt eingesetzt", sagte Kärle. Genau diese Mulde könnte ihm letztlich das Leben gerettet haben. Nach der Erstversorgung wurde der Schwerverletzte mit dem Hubschrauber ausgeflogen.
Die Ärzte diagnostizierten unter anderem einen Bruch der Halswirbelsäule sowie leichte Erfrierungen. Sein Zustand ist mittlerweile stabil.
Für die Einsatzkräfte grenzt das Überleben des Deutschen an ein Wunder. Rund 20 Stunden hatte er bei Temperaturen um den Gefrierpunkt unter freiem Himmel ausgeharrt. "Recht viel länger hätte er wohl nicht mehr durchgehalten", sagt Einsatzleiter Kärle. Umso größer ist die Erleichterung, dass die Suche in letzter Minute doch noch ein glückliches Ende nahm.
Die Familie des Geretteten zeigte sich tief bewegt. Laut Bergrettung kündigten die Angehörigen bereits an, die Retter persönlich besuchen zu wollen. Zunächst werde jedoch etwas anderes gefeiert: der "zweite Geburtstag" des 44-Jährigen.