Wann hat die Pandemie endlich ein Ende?

Wir werden das Coronavirus nicht ausrotten können, sondern lernen müssen, damit zu leben. 
Wir werden das Coronavirus nicht ausrotten können, sondern lernen müssen, damit zu leben. Getty Images
Auch im 2. Corona-Jahr verlangt uns die Pandemie viel ab. Experten geben Einschätzungen, wann ein Ende absehbar sein könnte.

Rund zwei Jahre sind seit den ersten Berichten über eine mysteriöse Lungenkrankheit in der chinesischen Metropole Wuhan vergangen. Mittlerweile stecken Österreich und viele andere Länder in der vierten Corona-Welle - der bisher schlimmsten, gemessen an der Zahl der Infizierten. Und Experten halten noch immer so viele Menschen für empfänglich, dass das Virus weitere Wellen befeuern könnte. Hört das denn nie auf?

Ausrotten lässt sich ein so ansteckender und verbreiteter Erreger wie Sars-CoV-2 laut Fachleuten aller Voraussicht nach nicht. Die Annahme ist vielmehr, dass das Virus endemisch wird. Das kann laut dem Präsidenten des deutschen Robert Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, bedeuten, dass es wie die Grippe saisonal für Infektionswellen sorgt, ohne jedoch in einem Ausmaß wie bisher, Menschen schwer krank zu machen.

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Pandemie - Weltweite Ausbreitung: Breitet sich eine Krankheit nicht nur regional, sondern über Länder und Kontinente hinweg aus, sprechen Experten von einer Pandemie. Laut WHO und CDC werden Pandemien meistens von neu auftretenden Erregern oder Virustypen verursacht. Das können zum Beispiel Zoonosen sein, also Krankheiten, die von Tieren auf den Menschen übertragen werden.

Endemie - latente Bedrohung: Eine Krankheit, die in bestimmten Regionen regelmäßig auftritt, wird als endemisch bezeichnet. Bei einer Endemie bleibt die Zahl der Erkrankungen über die Zeit relativ konstant. Sie ist höher als in anderen Gegenden, nimmt im Laufe der Zeit aber nicht weiter zu. In einem gewissen Zeitraum erkranken ungefähr immer gleich viele Menschen neu. Ein typisches Beispiel ist die Malaria, an der jedes Jahr 300 Millionen Menschen weltweit erkranken, hauptsächlich in den Tropen.

Laut WHO könnte auch das Coronavirus zu einem endemischen Virus werden. Das bedeutet: Das Virus ist in der Welt und wir müssen in bestimmten Erdregionen lernen, damit zu leben. Verschwinden wird es nicht mehr.

Die Begriffe Epidemie und Pandemie bezieht sich im Normalfall auf Infektionskrankheiten. 

Prozess der Anpassung

Das Immunsystem wird dann nicht mehr mit einem neuartigen Erreger konfrontiert, sondern ist durch frühere Infektion oder durch Impfung gewappnet. Wieler spricht von Grundimmunität, die aufgebaut werden müsse. Epidemische Verläufe im Sinne eines langdauernden oder schnellen Anstiegs von Infektionszahlen würden dann ausgebremst, erläutert der Epidemiologe Rafael Mikolajczyk aus Halle.

Was seit Pandemiebeginn abläuft, ist im Prinzip ein Prozess der Anpassung. "Wie lange die Anpassung bei Sars-CoV-2 dauern wird, lässt sich schwer voraussagen", sagte Wieler der Deutschen Presse-Agentur. Vier verschiedene Corona-Erkältungsviren gebe es schon. "Auch die sind irgendwann einmal vom Tier auf den Menschen übergegangen." Anzunehmen sei, dass der Übergang in den endemischen Zustand bei ihnen schon sehr lange zurückliegt, "Jahrzehnte oder Jahrhunderte".

Bei Sars-CoV-2 sei die Lage wegen der Impfstoffe eine besondere: "Wenn sich ein Großteil der Bürger impfen lässt, haben wir den endemischen Status mit weniger schweren Krankheitsverläufen schneller", sagt Wieler. Eine neu auftretende Virusvariante oder Veränderungen bei bereits bekannten Varianten könnten den weiteren Verlauf jedoch stark beeinflussen. Es sei entscheidend, schnell und effektiv zu handeln, um die Verbreitung des Virus und neuer Varianten zu verlangsamen: mit Maßnahmen und hoher Impfquote. Die Ausbreitung neuer Varianten zu verhindern, sei "extrem schwer".

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"Niemand ist sicher, bis alle sicher sind"

Solche Varianten könnten Epidemiologen zufolge grundsätzlich sowohl das Erreichen der Endemie hinauszögern als auch beschleunigen. Im Einzelnen hängt das etwa davon ab, wie gut der Impfschutz erhalten bleibt, wie sich die Verbreitungsgeschwindigkeit und die Krankheitsschwere verändern - und welche Maßnahmen in Kraft sind. Der Übergang von einer Pandemie in einen endemischen Zustand hänge nicht nur von der Virus-Entwicklung ab, sondern auch vom globalen Erfolg der Maßnahmen, sagt Wieler: "Beides bedingt sich gegenseitig."

Was die schleppende Impfung in ärmeren Ländern angeht: Da wirft der Chef der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Tedros Adhanom Ghebreyesus, den reichen Ländern moralisches Versagen vor. "Niemand ist sicher, bis alle sicher sind", wiederholt er gebetsmühlenartig und kanzelt die reichen Länder ab, weil sie Impfstoffe horteten, während in Dutzenden Ländern händeringend auf die Impfdosen gewartet werde.

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Wenn das Virus in fernen Ländern ungehindert zirkuliere, könnten gefährliche Varianten entstehen, die sich über den Globus verbreiten und gegen die heutigen Impfstoffe wirkungslos sein könnten. "Für Gleichheit bei der Impfstoffverteilung zu sorgen, ist kein Akt der Wohltätigkeit, es ist im besten Interesse jedes Landes", sagte er - schon bevor die Omikron-Variante Ende November als besorgniserregend eingestuft wurde.

In Deutschland und auch in Österreich sind noch sehr viele Menschen ohne Impfung, darunter viele ab 60. Experten warnen, dass auch nächsten Winter noch nicht Schluss sein könnte mit größeren Corona-Wellen. Mit dem mittlerweile großen Anteil an Geimpften in der Bevölkerung sei zwar viel erreicht. "Wir sind natürlich schon weit", sagt RKI-Chef Wieler. "Das ist jetzt die zweite Wintersaison. Wir kennen das von früheren Influenza-Pandemien, dass es in der Regel zwei bis drei sehr starke Erkrankungswellen gab, bevor sich das Geschehen einpendelte."

Keine Faustregel für Dauer der Pandemie

Auch wenn teils davon die Rede ist, dass eine Pandemie drei Jahre dauere: Eine Faustregel zur Dauer könne man aus früheren Seuchen nicht ableiten, sagt der Medizinhistoriker Jörg Vögele von der Universität Düsseldorf. Nicht nur die Eigenschaften der jeweiligen Krankheitserreger, sondern auch die gesellschaftlichen Umstände seien zu unterschiedlich. Historisch werde das Ende von Pandemien etwa an einem Absinken der Sterbezahlen festgemacht.

Pandemien hätten neben einem epidemiologischen aber immer auch ein soziales Ende, sagt Vögele. "Man hat zum Beispiel bei der Spanischen Grippe gesehen, dass die Menschen irgendwann gesagt haben: Es ist genug jetzt" - obwohl das Ende epidemiologisch gesehen noch nicht vollkommen erreicht gewesen sei. Auch die Resilienz einer Gesellschaft spiele eine Rolle: "Für die an Leid und Tod gewöhnte Nachkriegsgesellschaft zum Beispiel galt die Asiatische Grippe ab 1957 als kein so starker Einschnitt wie Corona für uns heute."

Die nächste Seuche kommt bestimmt

"Eine Lehre aus der Geschichte ist: Wenn die eine Seuche vorbei ist, kommt die nächste", sagt Vögele auch. Heutzutage könnten Klimawandel und Globalisierung das Auftreten von Epidemien und Pandemien beschleunigen: "Es ist zu befürchten, dass so etwas künftig häufiger vorkommen wird."

Generell könnte auch aus einer Endemie wieder eine Pandemie werden: "Neue Varianten können leider immer wieder zu einer neuen pandemischen Welle führen", sagte der Epidemiologe Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen. Umso entscheidender sei die globale Durchimpfung der Weltbevölkerung, "das verringert das Risiko für neue stark mutierte Varianten". Ein Blick nur auf das eigene Land greife zu kurz.

RKI-Chef Wieler hält so ein Szenario derzeit "für eher unwahrscheinlich" - wegen der Grundimmunität. Viren entwickelten sich zwar auch dann punktuell weiter und könnten Krankheitswellen verursachen. Für eine weitere Pandemie müsste sich das Virus laut Wieler jedoch "substanziell ändern - so wie man das von Influenzaviren kennt". Coronaviren besäßen keinen vergleichbaren Mechanismus.

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