Die letzten Tage werden viele Bewohner in Köln nicht so schnell vergessen: Die extreme Hitzewelle im Juni 2026 brachten im dortigen Großraum Temperaturen von bis zu 40 Grad. Die Stadt richtete im Messegelände ein Notfallversorgungszentrum und eine Kälteinsel ein, um Krankenhäuser und Rettungsdienst zu entlasten. Laut WDR starben am Hitze-Wochenende des 27. und 28. Juni rund 120 Menschen in Köln – fast viermal so viele wie an einem gewöhnlichen Wochenende.
Ein Beispiel des ärztlichen Leiters verdeutlicht die dramatische Hitzebelastung im Stadtgebiet: Ein Patient hatte sich nach dem Einkaufen hingesetzt und war sofort kollabiert. Die alarmierten Rettungskräfte maßen eine Körpertemperatur von 44 Grad Celsius – alle Reanimationsversuche blieben ohne Erfolg.
Einer, der die Lage hautnah miterlebte, ist Luis Teichmann (30). Seine Schilderungen zeichnen das Bild eines Systems, das von der Hitze brutal überrollt wurde.
Der Kölner Sanitäter und Influencer prangert in einem Video Zustände an, wie er sie in zwölf Jahren Rettungsdienst noch nicht erlebt habe: "Wir waren mittendrin in einer Katastrophe. Wir sind der Lage nicht mehr Herr gewesen. Die Zustände waren schlimmer als zu Corona bzw. waren so, wie sie uns während Corona als maximal schlimmster Endzustand verkauft wurden."
Teichmann kritisiert vor allem, dass Deutschland Jahr für Jahr so tue, als komme die nächste Hitzewelle überraschend. "Ich frage mich wirklich, was in diesem Land schiefläuft, dass wir ständig so handeln, als würde es nächstes Jahr keine Hitze mehr geben", sagt er. Aus seiner Sicht fehlt es nicht an Warnungen, sondern an Vorbereitung: Klimatisierte Räume, Hitzeschutzkonzepte, funktionierende Technik im Rettungsdienst.
Besonders hart trifft seine Kritik öffentliche Gebäude, Rettungsstützpunkte, Altenheime, Schulen und Krankenhäuser, die auch heute noch ohne Klimatisierung gebaut würden. Auch Teichmanns Stützpunkt ist ein solcher: "Es sind 40 Grad im viel zu engen stickigen Ruheraum und man betet einfach nur, dass man den Einsatz bekommt, damit man in den klimatisierten Rettungswagen flüchten kann." Doch nicht einmal die RTWs verfügen durchgehend über Kühlung.
Die Lage sei für Patienten besonders gefährlich geworden, weil Hitze überall wartete: daheim, in Altenheimen, im Rettungswagen, in der Klinik. "Wir sprechen hier von teilweise 37, 40 Grad auf den Intensivstationen und in den Notaufnahmen." Genau diese Kette sei für viele ältere oder vorerkrankte Menschen kaum noch zu verkraften gewesen.
Das belastet auch die Helfer psychisch: "Wir als Rettungsdienst sind einfach nur froh, wenn wir wieder raus sind. Aber man kriegt ein schlechtes Gewissen, dass man hier gerade einen Patienten hingebracht hat. Man sieht den dann zwei Stunden später da liegen wie in einem Lazarett: schweißüberströmt, alles ist völlig überhitzt, die Pflege und Ärzte am Limit."
Die Stadt Köln meldete am 28. Juni eine ernste Lage nach zehn Tagen extremer Hitze ohne nennenswerte nächtliche Abkühlung. Allein bis 18 Uhr verzeichneten Feuerwehr und Rettungsdienst an diesem Tag 687 Einsätze, rund 600 davon im Rettungsdienst. In der Messehalle wurde ab 2 Uhr ein Notfallversorgungszentrum in Betrieb genommen.
Für Teichmann war das kein normaler Ausnahmebetrieb mehr. "Das sind Katastrophenschutzkonzepte, die da zur Anwendung gekommen sind", sagt er. Dass eine Messehalle als Behelfskrankenhaus genutzt wurde, dürfe man nicht als Randnotiz abtun. In seinen Worten: "Da sprechen wir nicht vom Karneval oder einem Auto, das in eine Menschenmenge gefahren ist. Das macht man nur bei wirklichen Großschadensereignissen."
Besonders drastisch beschreibt er das Wochenende mit den höchsten Temperaturspitzen. Kollegen seien von Reanimation zu Reanimation gefahren, der Patientenansturm sei riesig gewesen, nüchterne Kollegen seien mit Blaulicht von einer Hochzeitsfeier abgeholt worden, um in den Dienst treten zu können. "Es hätte nicht mehr eskalieren können", schildert Teichmann. Für ihn war es "das absolute Maximum Rettungsdienstszenario".
Und auch die vielen Todesfälle hätten die Einrichtungen vor riesige Probleme gestellt. Alle Leichenkühlplätze in den Spitälern und der Gerichtsmedizin seien belegt gewesen. Notdürftig seien diese in Säcken mit Kühlakkus verpackt worden. Auch die Polizei habe Personal abstellen müssen, um die an unklarer Todesursache Verstorbenen in ihren eigenen Wohnungen zu versiegeln. "Ein Friedhof wurde extra in Dienst genommen, damit man irgendwo die Toten hinbringen kann", berichtet der 30-Jährige immer noch fassungslos.
Die Konsequenz müsse nun sein, Hitzeschutz verbindlich zu machen. Teichmann fordert von der Politik klare Vorgaben für Behandlungsräume, Krankenhäuser, Wachen und Pflegeeinrichtungen. "Wenn man möchte, dass wir einen Standard haben für Patienten und für Personal, dann muss es Normen geben, dann muss das in den Gesetzen stehen", fordert er.
Für Teichmann ist klar: Die nächste Hitzewelle kommt. Die Frage ist nur, ob Köln und Deutschland dann wieder so tun, als wäre Hitze jedes Jahr eine Überraschung.