Rätsel um "Märchen-Pilz"

Wer diesen Pilz isst, sieht Elfen und Zwerge

In China gilt Lanmaoa asiatica als Delikatesse. Wird der Pilz falsch zubereitet, kann er bizarre Halluzinationen auslösen.
Nick Wolfinger
27.09.2026, 19:50
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In der südchinesischen Provinz Yunnan landet Lanmaoa asiatica regelmäßig auf dem Teller. Der Röhrling gilt dort als begehrte Delikatesse und wird während der Pilzsaison zwischen Juni und August auf Märkten angeboten und in Restaurants serviert.

Doch bei der Zubereitung ist Vorsicht angesagt. Wird der Pilz nicht ausreichend gegart, kann der Genuss offenbar höchst ungewöhnliche Folgen haben: Betroffene berichten von winzigen, menschenähnlichen Gestalten, die über Tische laufen, auf Tellern herumspazieren oder Wände hinaufklettern.

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Die ungewöhnlichen Wahrnehmungen werden als "Lilliput-Halluzinationen" bezeichnet. Der Name geht auf die winzigen Bewohner der Insel Lilliput in Jonathan Swifts Roman "Gullivers Reisen" zurück.

Forscher sucht nach "kleinen Männchen"

Colin Domnauer von der University of Utah beschäftigt sich mit dem rätselhaften Pilz. Im Sommer 2023 reiste der Doktorand während der Pilzsaison nach Yunnan und fragte auf Märkten gezielt nach jenen Exemplaren, bei deren Verzehr Menschen "kleine Männchen" sehen sollen.

Die Händler kicherten und zeigten sofort auf die gesuchten Pilze. Domnauer kaufte einige Exemplare und nahm sie für weitere Untersuchungen mit ins Labor.

Dort zeigte sich: Lanmaoa asiatica enthält offenbar eine bisher unbekannte Substanz mit halluzinogener Wirkung. Welche Verbindung genau für die ungewöhnlichen Wahrnehmungen verantwortlich ist, wollen die Forscher nun herausfinden.

Kellner stellen Timer

Wie ernst die richtige Zubereitung genommen wird, erlebte Domnauer selbst in einem Restaurant in Südchina. Dort stellte ein Kellner für ein Pilzgericht einen Timer auf 15 Minuten. Die Warnung war eindeutig: Vor Ablauf der Zeit sollten die Pilze keinesfalls gegessen werden, sonst könne man womöglich "kleine Männchen" sehen.

Auch Versuche im Labor lieferten auffällige Ergebnisse. Extrakte des Pilzes wurden an Mäusen untersucht. Die Tiere zeigten zunächst Hyperaktivität und verfielen anschließend für längere Zeit in einen Zustand, in dem sie sich kaum bewegten.

Phänomen seit Jahrzehnten bekannt

Berichte über derartige Halluzinationen sind allerdings deutlich älter. Bereits 1934 wurden im Hochland von Papua-Neuguinea Erzählungen über Menschen dokumentiert, die nach dem Verzehr eines wilden Pilzes ebenfalls winzige Gestalten gesehen haben sollen. Die Fälle wurden als "mushroom madness" bezeichnet.

Der Psychiater Jan Dirk Blom untersuchte später 226 dokumentierte Fälle sogenannter Lilliput-Halluzinationen aus verschiedenen Teilen der Welt. In 96 Prozent der Fälle berichteten Betroffene demnach von winzigen Menschen, die sich scheinbar selbstständig bewegten.

Die Forscher hoffen nun, den verantwortlichen Stoff in Lanmaoa asiatica isolieren zu können. Die Erkenntnisse könnten nicht nur das Rätsel um die "kleinen Männchen" lösen, sondern auch dabei helfen, besser zu verstehen, wie das menschliche Gehirn Wahrnehmung und Bewusstsein erzeugt.

NW,27.09.2026, 19:50