Mohamed und seine Frau Hala sind Alawiten und leben jetzt mit ihren drei Kindern in Hasaka, weit weg von ihrer alten Heimat Damaskus. Bis Dezember 2024 arbeitete Mohamed bei der Sicherheitspolizei am Flughafen von Qamishli. Dafür pendelte er jede Woche quer durchs Land.
Alles änderte sich, als die Extremisten das Assad-Regime stürzten. "Ich war Major in der syrischen Armee, der die Flughafensicherheit unterstand. Als Assad fiel, flohen wir sofort aus Damaskus. Man hätte mich getötet", erzählt Mohamed im Gespräch mit "20 Minuten"-Auslandsreporterin Ann Guenter. Die neue Regierung unter Präsident Ahmed al-Sharaa hätte ihn als Terrorist einstuft und er fürchtet, noch immer auf einer Fahndungsliste zu stehen.
"Die al-Qaida-Terroristen von einst sind jetzt die neuen Soldaten, Polizisten, Richter im Land", sagt Mohamed. "Sie sind dafür nicht qualifiziert. Einige können nicht einmal lesen und schreiben."
Zuerst floh die Familie an die Küste. Aber auch dort brach schnell Gewalt aus. "Überall lagen Leichen. Ich konnte nicht glauben, dass das real war", schildert Hala. Mohamed ergänzt: "Das Hirn kann das nicht verarbeiten." Auch ihre drei Kinder können diese Bilder nicht vergessen.
Seit einem Jahr leben sie jetzt in Hasaka. Dort fühlen sie sich noch am sichersten. Trotzdem trauen sie dem angespannten Frieden nach den letzten Kämpfen in der Kurdenregion nicht. Im Wohnzimmer steht immer ein gepackter Koffer bereit. Einen Plan haben sie nicht, aber sie wollen jederzeit flüchten können.
Syrien besteht aus vielen Volksgruppen: Die Mehrheit ist arabisch, daneben gibt es Kurden, Turkmenen, Assyrer, Aramäer und Armenier.
"Wir erwarten für die Zukunft nichts Gutes in Syrien", sagt Mohamed. Der Säkularismus gehe verloren. In manchen Küstenstädten dürfen Frauen nicht mehr Auto fahren, Beamtinnen und Lehrerinnen kein Make-up mehr tragen. "Der Hidschab wird wohl bald Pflicht", fürchtet Hala.
Auch das Geld verändert sich: Die neuen syrischen Banknoten sollen nur noch Baumwollblüten, Oliven und Früchte zeigen – keine Menschen oder Statuen mehr. Das gilt jetzt als haram, also verboten. Mohamed und Hala erzählen davon – sie lachen dabei, aber Freude kommt dabei keine auf.
Nach dem Assad-Regime sehnen sie sich nicht zurück – wegen der Brutalität und Korruption. Die neuen Machthaber seien aber auch nicht besser. Jetzt gelten Alawiten als "Fulol", also als Assad-Anhänger. Dabei waren längst nicht alle Alawiten für Assad oder Teil seines Machtzirkels.
Es gehe den neuen Herrschern nicht darum, Schuldige aus dem alten Regime zu bestrafen, beklagt das Paar: "Es geht darum, dass wir Alawiten sind, und Alawiten sind Kufar – so wie alle Minderheiten Ungläubige sein sollen, auch Schiiten und selbst Sunniten. Eigentlich sind im Land jetzt nur noch die Extremen, die Salafisten, sicher."
Mohamed sagt, er habe sich nie besonders als Alawit gefühlt. "Aber jetzt werde ich vom Staat darüber identifiziert." In Schulen, Ämtern und Behörden werden Alawiten reihenweise rausgeworfen – "nicht wegen mangelnder Qualifikation, sondern wegen ihrer Religion".
Eine Rückkehr nach Damaskus, Homs oder in die alawitischen Gebiete an der Küste schließen Mohamed und Hala aus. Das gilt auch, obwohl die Übergangsregierung ein Amnestiegesetz für Ex-Soldaten erlassen hat. Sie misstrauen dem Ganzen – was nicht verwundert.
Seit Anfang März steigt die Gewalt gegen Zivilisten in den alawitischen Vierteln von Homs wieder. "Es ist derzeit unmöglich, dass wir als Syrer zusammenleben", sagt Hala.
Eine Flucht ins Ausland kommt für die Familie nicht infrage. Nur Mohamed besitzt einen Pass – und den kann er als Gesuchter nicht verwenden. Ohne Arbeit fehlt ihm auch das Geld für Bestechungen, um Ausweise für Frau und Kinder zu bekommen.
Er schätzt, dass für vier Pässe mehr als 14.000 US-Dollar fällig wären. Mohamed lacht bitter: "Die echten Verbrecher aus dem Assad-Regime haben sich längst freigekauft. Und die ohne Geld zahlen jetzt für die Vergangenheit."