Racheakte gegen Kurden

Gespräche gescheitert – Jetzt droht neuer Syrien-Krieg

Die Gespräche zwischen Syriens Präsident Sharaa und SDF-Kommandant Abdi sind gescheitert. Islamistische Kämpfer verüben Gräueltaten an Kurden.
Nick Wolfinger
20.01.2026, 12:13
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Es hätte ein friedlicher Übergang werden sollen. Doch es spießte sich an vielen Details. In einem 14-Punkte-Abkommen vereinbarte der Präsident Syriens, Ahmed al-Sharaa, am Sonntag eine Übergabe eines Großteils der bisher selbstverwalteten kurdischen Autonomiegebiete im Nordosten Syriens an die syrische Zentralregierung.

Sharaa war von 2017 bis 2025 Kommandant der von der Türkei unterstützten, islamistischen Rebellengruppe HTS – die ihrerseits die Nachfolgeorganisation des syrischen Al-Qaida-Ablegers Al-Nusra-Front war. UNO-Sanktionen gegen den von den USA lange mit Kopfgeld als Terroristen gesuchten Sharaa waren erst im November 2025 aufgehoben worden, in der Hoffnung, dass Sharaa als Übergangspräsident einen gemäßigteren Kurs einschlägt.

Der Kommandant der kurdisch geführten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF), Mazloum Abdi, sagte zwar zunächst zu, "um ein Blutvergießen zu verhindern". Doch im direkten Gespräch mit Sharaa in Damaskus, das wegen schlechten Wetters von Sonntag auf Montag verschoben wurde, gingen Abdi die Forderungen Sharaas dann doch zu weit.

Ein syrischer Regierungssoldat vor dem Gefängnis der früheren IS-Hauptstadt Raqqa, aus dem nun zahlreiche IS-Kämpfer befreit worden sein sollen.
Reuters

Verhandlungen nach fünf Stunden gescheitert

Wie berichtet hätten die Kurden die demokratische Selbstverwaltung aufgeben und die SDF auflösen müssen. Sämtliche in über 10 Jahren erreichten Errungenschaften standen auf dem Spiel. Montagabend war es schließlich so weit. Fünf Stunden lang sollen die Gespräche laut Insidern gedauert haben. Eine Einigung gab es genau so wenig wie eine öffentliche Erklärung über die Inhalte der Verhandlungen.

SDF-Kommandant hohen Posten angeboten

Aus syrischen Medienberichten und gut informierten Quellen, wie dem Middle East Eye, sickerte jedoch durch, dass Syriens Präsident Sharaa dem SDF-Kommandanten verlockende Angebote gemacht haben soll, damit dieser den Widerstand aufgibt.

So soll Abdi der Posten des Vize-Verteidigungsministers angeboten worden sein und das Recht, den Gouverneur der aktuell umkämpften Provinz Al-Hasakah zu ernennen (wo auch das IS-Gefängnis Shaddadi steht). Abdi wiederum soll gefordert haben, dass die Provinz unter kurdischer Kontrolle bleibt – was Sharaa, der alle Gebiete des multiethnischen Syriens unter zentraler Kontrolle haben will, ablehnte.

Fünftägige Bedenkzeit

Schließlich soll Abdi, der unter großem Druck zahlreicher kurdischer Gruppen steht, das 14-Punkte-Abkommen zur Aufgabe der Selbstverwaltung nicht zu unterzeichnen, eine fünftägige Bedenkzeit gewünscht haben, um mit anderen kurdischen Vertretern zu beraten. Das soll Sharaa ebenfalls abgelehnt haben – was am Dienstag jedoch bestritten wurde, als Abdi vier Tage zugestanden wurden. Sollte es bis dahin keine Einigung geben, werde er die kurdischen Gebiete "unter Zwang" einnehmen.

Angeblich 1.500 IS-Kämpfer befreit

Ein großer Streitpunkt war auch die Frage der Übergabe der IS-Gefängnisse, also jener Haftanstalten, in denen sich zehntausende besiegte Kämpfer des Islamischen Staates (der in Syrien von 2013 bis 2019 existierte) befinden, der von kurdischen Kämpfern mit US-Luftunterstützung besiegt wurde.

Die schlimmsten Befürchtungen bewahrheiteten sich am Montag, als bekannt wurde, dass bis zu 1.500 IS-Terroristen aus dem Gefängnis Shaddadi in der Region Hasakah befreit wurden. Die SDF, die mit der Bewachung betraut waren, berichteten zuvor, von Regierungstruppen Sharaas angegriffen worden zu sein und die Kontrolle nach dem Verlust dutzender Kämpfer verloren zu haben. Das syrische Innenministerium wirft seinerseits den Kurden vor, Gefangene freigelassen zu haben – und meldet, 81 der 120 geflüchteten IS-Kämpfer festgenommen zu haben.

In Raqqa, der früheren Hauptstadt des IS, wurde das städtische Frauengefängnis befreit. Dort waren Frauen und Kinder inhaftiert, wobei schwere Vorwürfe gegen zuständige SDF-Kommandanten erhoben werden. Ein großer Gefängniskomplex im Norden der Stadt, Al-Aqtan, in dem tausende IS-Kämpfer inhaftiert sein sollen, war am Montag heftig umkämpft.

Grausame Racheakte an Kurden

Nach der Einnahme von Raqqa durch Regierungstruppen und mit ihr verbündeter islamistischer Milizen soll es zu grausamen Vergeltungsaktionen an Kurden gekommen sein, wie der österreichische Politikwissenschafter, Thomas Schmidinger, der gute Kontakte in der Region hat, auf Facebook schilderte.

Schwere Kriegsverbrechen

Auf weiteren im Internet kursierenden Videos, die wir aufgrund ihrer Grausamkeit nicht wiedergeben können, ist zu sehen, wie gefangen genommenen kurdischen Frauen eine Zukunft als "Sexsklavinnen" angekündigt wird. In einem anderen von den Regierungskämpfern selbst aufgenommenen und verbreiteten Video ist zu sehen, wie die Soldaten unter "Allahu akbar"-Rufen gefangen genommene kurdische Soldatinnen mit Gewehrsalven hinrichten und auf ihren Leichen herumtrampeln.

Auch Enthauptungen seien bereits dokumentiert worden, berichtet das kurdische Zentrum für Öffentlichkeitsarbeit, Civaka Azad, in einer Aussendung von Montagabend.

Neuer Kampf um Rojava steht bevor

Der Waffenstillstand ist gescheitert. Das 14-Punkte-Abkommen wurde nicht unterzeichnet. Nun stehen alle Zeichen auf einen neuen Krieg zwischen Kurden, die um ihre Selbstbestimmungsrechte kämpfen, und einem syrischen Staat, der eine sunnitisch-arabische Vorherrschaft etablieren will und wenig auf Minderheitenrechte gibt.

Kurdische Kämpferinnen der YPJ bei einer Feier über den Sieg gegen den Islamischen Staat in Qamishli 2019.
Reuters

Es sind nun weitere Kämpfe um die kurdischen Kerngebiete rund um Kobane, das bereits während des Kampfes gegen den IS im Zentrum der Aufmerksamkeit stand, sowie ganz im Nordosten Qamishli im Kanton Jazira (Dschasira). Verschiedene Gruppen rufen bereits dazu auf, Kurdistan zu verteidigen. Dabei ist davon auszugehen, dass die Türkei, wie bereits früher, die Offensive gegen die Kurden mit ihrer Luftwaffe und Panzern unterstützen wird.

„15 Jahre lang haben wir unser Blut für Freiheit und Würde geopfert. Nun wird von uns verlangt, diese Rechte aufzugeben – wie in der Zeit des Baath-Regimes. Unsere Antwort ist klar: Das können wir nicht akzeptieren“
Die kurdische Politikerin Foza Yûsif von der Partei der Demokratischen Einheit (PYD)zu den gescheiterten Gesprächen zwischen Sharaa und Abdi

Internationale Diplomatie

"Bereits heute liegen Berichte über türkische Luftangriffe und Artilleriebeschuss im Umland von Hesekê und Kobanê vor", berichtet Civaka Azad und appelliert an die internationale Gemeinschaft, "nicht zu schweigen und ihrer Verantwortung zum Schutz der Zivilbevölkerung nachzukommen".

Im Hintergrund laufen bereits die Telefone heiß. Bei einem Telefonat Sharaas mit US-Präsident Trump am Montag soll sich dieser für ein "vereintes" Syrien ausgesprochen haben – unter Wahrung der Rechte der Kurden. Das berichtet die nationale syrische Nachrichtenagentur SANA.

Am Dienstag traf der US-Sondergesandte für die Region, Tom Barrack, zu Gesprächen mit dem türkischen Außenminister Fidan in Ankara ein. Die USA unterhalten im kurdischen Gebiet in Nordostsyrien weiterhin Truppen, um ein Wiedererstarken des IS zu verhindern. Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas forderte indes ein "sofortiges" Ende jeglicher militärischer Aktivitäten.

{title && {title} } NW, {title && {title} } Akt. 20.01.2026, 17:31, 20.01.2026, 12:13
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