Nach tagelangen Gefechten

Kurdische Kämpfer aus Aleppo abgezogen

Im brutalen Kampf um die Kontrolle der selbstverwalteten Stadtteile in Aleppo hat Syriens islamistische Zentralregierung einen Etappensieg errungen.
Nick Wolfinger
11.01.2026, 11:25
Loading...
Angemeldet als Hier findest du deine letzten Kommentare
Alle Kommentare
Meine Kommentare
Sortieren nach:

Kommentare neu laden
Nach oben
Hör dir den Artikel an:
00:00 / 02:45
1X
BotTalk

Nach tagelangen Gefechten gegen Regierungstruppen in Aleppo haben sich die kurdisch dominierten Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) nach eigenen Angaben bereit erklärt, ihre Kämpfer aus der Großstadt abzuziehen. Das syrische Innenministerium gab am Sonntag die Evakuierung von 419 kurdischen Kämpfern in andere kurdische Autonomiegebiete sowie die Festnahme von 300 Personen, Kämpfern und Zivilisten, bekannt.

Bei den Kämpfen ging es um die Zukunft der von den Kurden seit dem Bürgerkrieg autonom selbstverwalteten Stadtteile Scheich Maksud und Ashrafiyeh – was der neuen syrischen Übergangsregierung ein Dorn im Auge ist. Dazu gibt es aus dem Vorjahr zwei Abkommen zwischen der kurdischen Selbstverwaltung und der Zentralregierung in Damaskus, die den Übergang regeln sollen – jedoch nach gegenseitigen Vorwürfen nicht eingehalten würden. Nun soll jedoch wieder Ruhe einkehren in Aleppo.

Vereinbarung zu Waffenstillstand

In einer Stellungnahme bedankte sich SDF-Kommandant für die "internationale Vermittlung", die die "Angriffe und Übergriffe gegen die Bewohner von Aleppo" gestoppt habe. Es gebe nun eine Vereinbarung, "die einen Waffenstillstand sichern und die Evakuierung der Toten, der Verwundeten, der eingeschlossenen Zivilisten und der Kämpfer aus den Vierteln Ashrafiyeh und Sheikh Maqsoud nach Nordostsyrien gewährleisten solle", so Abdi.

Maßgeblich beteiligt an der Vermittlung waren wohl die USA, die ein gutes Verhältnis mit der syrischen Übergangsregierung anstreben – und stabile Verhältnisse in dem kriegsgebeutelten Land wünschen, wie aus einer Stellungnahme des US-Sondergesandten für Syrien, Tom Barrack, hervorgeht, der am Samstag zu Gesprächen in Damaskus war.

Gerüchte und Propaganda

Die syrische Nachrichtenagentur Sana berichtete, dass "Busse mit den letzten Mitgliedern der SDF" den Stadtteil Scheich Maksud in Aleppo verlassen hätten und nun "in Richtung Nordosten Syriens fahren". Nach Ansicht der syrischen Zentralregierung hätten kurdische Kämpfer die Angriffe gestartet, sich in Krankenhäusern und unterirdischen Tunneln verschanzt und zivile Stadtviertel angegriffen – was von kurdischer Seite als Lügen und anti-kurdische Propaganda bezeichnet wurde.

Besonders aufsehenerregend war der Angriff einer Drohne auf ein Hochhaus in Aleppo, was die syrische Seite umgehend den Kurden in die Schuhe schob. Militärblogger betonten jedoch, dass es sich dabei um eine Drohne aus ukrainischer Produktion gehandelt habe, die die Ukraine der neuen syrischen Übergangsregierung zur Verfügung gestellt haben.

Auf unzähligen Social-Media-Kanälen wird dieser Angriff auf ein Hochhaus nun als "Beleg" dafür bezeichnet, dass es sich bei den kurdischen Selbstverteidigungskräften um "Terroristen" wie einst Al Qaida um Osama bin-Laden handle. Tatsächlich stammte die Drohne wohl aus dem Lager der syrischen Regierungseinheiten.

Syrische Armee: "Einsatz beendet"

Zuvor hatte die syrische Armee ihren Einsatz in der letzten kurdischen Hochburg der Stadt für beendet erklärt. Laut Sana wurden kurdische Kämpfer mit Bussen aus Scheich Maksud weggebracht. Kurdische Kämpfer dementierten dies jedoch zunächst und bezeichneten die Armee-Angaben über ein Ende der Kämpfe als "völlig falsch".

Die kurdischen Einheiten seien weiterhin dabei, "einen gewaltsamen Angriff" abzuwehren, hieß es in einer Erklärung. In den Bussen befanden sich demnach Zivilisten, die "gewaltsam" an einen unbekannten Ort gebracht wurden.

Über 150.000 Vertriebene

Truppen der islamistischen Übergangsregierung in Damaskus und kurdische Kämpfer lieferten sich seit Dienstag Gefechte in Aleppo. Beide Seiten gaben sich gegenseitig die Schuld an der Gewalteskalation, bei der mehr als 20 Menschen getötet wurden. Nach Angaben von Gouverneur Assam al-Gharib flohen bis Samstag rund 155.000 Bewohner der betroffenen, überwiegend kurdischen Viertel Scheich Maksud und Aschrafijeh in andere Stadtteile oder aufs Land.

Rückkehr zu Abkommen

Gemäß einem im März geschlossenen Abkommen sollten die zivilen und militärischen Institutionen der Kurden eigentlich bis zum Jahresende 2025 in die syrische Zentralregierung und Armee integriert werden. Zudem hatten die kurdischen Kämpfer zugestimmt, sich aus den beiden Stadtvierteln in Aleppo zurückzuziehen. Beides wurde jedoch wegen Meinungsverschiedenheiten nicht umgesetzt.

Minderheiten in Angst

Seit der Machtübernahme der Islamisten in Damaskus hat die Sorge um die Rechte und die Sicherheit von Minderheiten in Syrien zugenommen. Der Regierung in Damaskus mit dem früheren Dschihadisten Ahmed al-Scharaa an der Spitze wird vorgeworfen, Minderheiten wie Alawiten, Drusen und Kurden nicht ausreichend zu schützen.

Bilder von "Allahu akbar" rufenden Kämpfern, die Zivilisten aus den kurdischen Stadtvierteln entführen und Wohnhäuser mit Artilleriegranaten und Panzern beschießen, tragen dabei sicher nicht zur Vertrauensbildung bei.

{title && {title} } NW, {title && {title} } Akt. 11.01.2026, 11:29, 11.01.2026, 11:25
Jetzt E-Paper lesen