In Syrien überschlagen sich die Ereignisse. Nach der Offensive islamistischer Milizen auf unter kurdischer Selbstverwaltung stehenden Stadtteile von Aleppo, hat dieArmee der islamistischen Syrischen Übergangsregierung unter dem früheren Al-Qaida-Kommandanten und nunmehrigen Regierungschef Ahmed al-Sharaa zu einer Offensive gegen die Demokratische Selbstverwaltung Nord- und Ostsyriens angesetzt.
Die frühere IS-Hauptstadt Al-Raqqa soll laut neuesten Meldungen vom Sonntag bereits gefallen sein. Die USA beobachten die Lage mit großer Sorge und mahnen zu einem Ende der Kämpfe – da in der Region auch tausende IS-Kämpfer und ihre Familien in zwei Gefangenenlagern untergebracht sind.
In einem ersten Schritt haben die Regierungstruppen am Wochenende die kurdisch dominierten SDF-Kräfte westlich des Euphrat vertrieben. Dabei zogen sich die SDF-Einheiten nach tagelangen Gefechten nun weitgehend kampflos zurück, da die USA ein Rückzugsabkommen zwischen den beiden Seiten verhandelt hatten. Sonntagfrüh gab die Syrische Armee bekannt, die Kontrolle über die Stadt Tabqa mitsamt dem größten Staudamm des Landes am Euphrat erlangt zu haben.
Dieser Rückzug war, wenngleich von Gefechten unterbrochen, am Sonntag abgeschlossen. Die überwiegend arabisch besiedelten Gebiete in dieser Gegend waren erst seit dem Sturz Assads unter Kontrolle der SDF geraten. Nachrichtenagenturen zeigten Bilder von Einheimischen, die unter "Allahu Akbar"-Rufen den Einzug der syrischen Regierungskräfte bejubelten. Dabei werden die Islamisten als "Befreier" gefeiert und die SDF-Einheiten als "PKK-Terroristen".
Gleichzeitig brachen auch Kämpfe im Südosten des Landes in der ölreichen Region Deir ez-Zor aus, wobei die syrische Regierung die Kontrolle über zwei Ölfelder zurückerlangte – die laut Angaben der SDF eigentlich nicht Teil des von den USA vermittelten Rückzugsabkommens gewesen wären. Laut bisher unbestätigten Meldungen soll die gesamte Region an die syrischen Regierungskräfte zurückgefallen sein. Auch diese Region ist überwiegend arabisch bevölkert und wurde erst im Zuge des Sturzes des Assad-Regimes von SDF-Einheiten besetzt.
Im Zuge des Vormarsches versuchten die Regierungstruppen an mehreren Stellen auch, über den Euphrat vorzudringen. An der Brücke zur früheren IS-Hauptstadt Raqqa wurden am Samstag Gefechte gemeldet. Am Sonntag soll die überwiegend arabisch bevölkerte Stadt an die Regierungstruppen gefallen sein. Neueste Videos zeigen jubelnde Menschenmassen im Zentrum der Stadt. Dabei sind auch jede Menge Schüsse und Gewehrsalven zu hören. SDF-Einheiten sollen sich laut Beobachtern Richtung Osten zurückgezogen haben.
Die frühere IS-Hauptstadt besitzt nach wie vor über einen hohen symbolischen Stellenwert für die Islamisten. Ihr Fall wäre auch für die USA ein großes Alarmsignal. Dann droht die Befreiung von rund 10.000 IS-Kämpfern aus Al-Roj und Al-Hol, die Europa nicht zurücknehmen will – und seit Jahren in den Lagern leben müssen.
Die SDF wurden jahrelang von den USA unterstützt, die aber nun auch die neue syrische Führung unterstützen. Am Samstag rief das Zentralkommando der US-Armee die Soldaten der Regierung in Damaskus auf, "alle offensiven Aktionen in den Gebieten zwischen Aleppo und Tabqa zu beenden".
Die überwiegend von Kurden bewohnte Region Nordostsyrien hat sich während des syrischen Bürgerkriegs ab 2012 zunehmend einen Autonomiestatus erkämpft. Während ein Nicht-Angriffs-Pakt mit Syriens Diktator Assad eingegangen worden war, wurde mit Unterstützung durch US-Luftangriffe der von 2014 bis 2019 bestehende Islamische Staat aus Syrien verdrängt.
2018 wurden Rojava und die neu vom IS befreiten Gebiete zur Demokratischen Selbstverwaltung Nord- und Ostsyrien erklärt. In den vier Provinzen (Afrin, Kobane, Tell al-Arab und Al-Hasakah) leben rund fünf Millionen Menschen, darunter neben Kurden und Arabern, die in drei bzw. einer Region die Mehrheit stellen, auch christliche (Assyrer), tscherkassische, jesidische, alevitische, armenische und turkmenische Minderheiten. Sie alle sind auch in den Syrian Democratic Forces (SDF) vertreten, die von den kurdischen Volksverteidigungseinheiten dominiert werden.
Seit dem Sturz des syrischen Machthabers Baschar al-Assad im Dezember 2024 hat die Sorge um die Rechte und die Sicherheit von Minderheiten in Syrien zugenommen. Der Regierung in Damaskus mit dem früheren Dschihadisten Ahmed al-Scharaa an der Spitze wird vorgeworfen, Minderheiten wie Alawiten, Drusen und Kurden nicht ausreichend zu schützen.
Am Dienstag wird al-Scharaa zu seinem Antrittsbesuch in Berlin erwartet. Auf dem Programm des syrischen Übergangspräsidenten stehen Treffen mit Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Bundesaußenminister Johann Wadephul (CDU).