Nächste Eskalation droht

Syrien bereitet neue Offensive auf Kurdengebiete vor

Der islamistischen Übergangsregierung sind die Minderheiten im Land ein Dorn im Auge. Nach den Kämpfen in Aleppo droht nun die nächste Eskalation.
Nick Wolfinger
13.01.2026, 14:12
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Nur wenige Tage nach der Erreichung eines Waffenstillstandes für die kurdisch bewohnten Stadtviertel der syrischen Millionenmetropole Aleppo bahnen sich neue Kämpfe an. Dieses Mal geht es um ein Gebiet, das die kurdischen Selbstverteidigungskräfte SDF im Zuge des Sturzes von Langzeit-Diktator Assad erobert haben.

Wichtige Straße verbindet Kurdengebiete

Es handelt sich um eine wichtige Verbindungsstraße zwischen der kurdischen Selbstverwaltungszone im Norden Syrien und Aleppo. Die Straße diente den Kurden während des Sturzes Assads als Verbindung zu den ebenfalls selbstverwalteten Stadtteilen in Aleppo, Scheich Makhsud und Aschrafijeh. Nachdem diese Stadtteile nach Kämpfen am Wochenende unter Kontrolle der islamistischen Zentralregierung (Syrian Transition Government, STG) gefallen sind, sollen die kurdischen Kräfte nun weiter zurückgedrängt werden.

Nachdem die Einheiten der kurdischen Autonomiegebiete (gelb) bereits aus der Metropole Aleppo abziehen mussten, will die syrische Zentralregierung (grüner Bereich) nun auch die Kontrolle über die Gebiete südlich des Flusses Euphrat zurückgewinnen (Bildmitte). Dabei erhält Damaskus Unterstützung aus der Türkei, die einen (hier blau markierten) Bereich im Norden des Kurdengebietes kontrolliert.
liveuamap.com

Laut Kritikern habe diese Zone aber kaum Bedeutung für die kurdische Selbstverwaltung. Sie sei im Zuge des Sturzes von Assad aus "reinem Opportunismus" eingenommen worden, obwohl sie – anders als weiter nördlich gelegene Gebiete – nicht zu ihrem traditionellen Einflussgebiet zähle. Ob es für die SDF Sinn macht, diese dem Fluss westlich vorgelagerten Gebiete ernsthaft zu verteidigen, wird in Frage gestellt.

Allerdings geht es letztlich nicht um diesen schmalen Streifen an einer Verbindungsstraße – es wird befürchtet, dass die Islamisten gemeinsam mit der Türkei letztlich das gesamte kurdische Selbstverwaltungsgebiet unter ihre Kontrolle bringen wollen.

Islamisten wollen volle Kontrolle

Die islamistische syrische Übergangsregierung (STG), deren Truppen sich aus verschiedenen islamistischen und dschihadistischen Milizen zusammensetzt, strebt seit ihrer Machtergreifung einen zentral geführten Staat unter Dominanz der sunnitischen Bevölkerungsmehrheit an. Unter den Einheiten der Übergangsregierung trugen bei den Kämpfen um Aleppo einige sogar Abzeichen des Islamischen Staates, wie Fotos dokumentieren.

Minderheiten wie Kurden, Drusen und auch Christen sollen sich demnach der islamistischen Zentralregierung fügen. Die gut bewaffneten kurdischen Selbstverteidigungskräfte SDF sind dabei aus Sicht der Islamisten das größte Hindernis – das nun offenbar mit Hilfe der Türkei, die die Machtergreifung der Islamisten in Syrien maßgeblich ermöglicht hat, beseitigt werden soll.

Neuer Vorwand für Offensive

Nun hat die syrische Armee die kurdischen Kämpfer zum Rückzug aus den von ihnen kontrollierten Gebieten zwischen Ost-Aleppo und dem Euphrat aufgefordert. Als Begründung heißt es dazu laut der syrischen staatlichen Nachrichtenagentur SANA:

„Wir haben die Ankunft weiterer bewaffneter Gruppen an den SDF-Einsatzstellen im östlichen Umland von Aleppo in der Nähe von Maskana und Deir Hafer beobachtet. Nach Angaben unserer Geheimdienstquellen umfassten diese neuen Verstärkungen eine Reihe von PKK-Terroristenkämpfern und Überreste des ehemaligen Regimes. Wir bekräftigen, dass die Rekrutierung terroristischer Gruppen durch die SDF eine gefährliche Eskalation darstellt und dass jede militärische Aktion dieser Gruppen eine heftige Antwort nach sich ziehen wird. Wir werden angesichts dieser gefährlichen Eskalation nicht tatenlos zusehen.“
Syrische Armee zur Begründung ihres EinsatzesSyrian Arab News Agency (SANA), 13. Jänner 2026

Dies gab die Armee am Dienstag im Staatsfernsehen bekannt und veröffentlichte eine Karte einer "militärischen Sperrzone". Wie hier erkennbar ist, handelt es sich bei der hier rot eingezeichneten Zone um die oben in gelb dargestellten kurdischen Autonomiegebiete westlich bzw. südlich des Euphrat.

Kurden drohen Türkei mit Ende von Friedensprozess

Nun drohen also neue Kämpfe um die Selbstverwaltungsgebiete der syrische Kurden. Hatten sich diese in den letzten Jahren der Herrschaft Assads weitgehend darauf verlassen können, in Ruhe gelassen zu werden, drohen sie nun von der Türkei im Norden und Westen und den syrisch-islamistischen Milizen im Süden in die Zange genommen zu werden. Die Dachorganisation der Kurden, die "Union der Gemeinschaften Kurdistans" (KCK) richtete daher eine Drohung an Ankara:

„Die Angriffe auf Scheich Maqsoud und Ashrafiah sowie die Vorbereitungen für Angriffe östlich des Euphrat stellen auch den Waffenstillstand zwischen unserer Bewegung und der Türkei sowie die laufende Initiative 'Frieden und demokratische Gesellschaft' in Frage.“
Stellungnahme der KCK13. Jänner 2026

Indes wurden am Dienstag erste Kampfhandlungen am westlichen Zipfel der kurdischen Zone westlich des Euphrat gemeldet. Dabei haben die kurdischen Kämpfer der SDF zwei Brücken bei Deir Hafer gesprengt, um die islamistischen Milizen am Vorrücken zu hindern.

Sorge um Minderheiten

Seit Assads Sturz hat die Sorge um die Rechte und die Sicherheit von Minderheiten in Syrien zugenommen. Der Regierung in Damaskus mit dem früheren Dschihadisten Ahmed al-Scharaa an der Spitze wird vorgeworfen, Minderheiten wie Alawiten, Drusen und Kurden nicht ausreichend zu schützen.

{title && {title} } NW, {title && {title} } Akt. 13.01.2026, 16:00, 13.01.2026, 14:12
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