Kämpfe um Gefängnisse

Eskalation in Syrien: "Tausende IS-Kämpfer befreit"

Beim Vormarsch syrischer Regierungstruppen im kurdischen Autonomiegebiet sollen tausende IS-Terroristen aus einem Gefängnis befreit worden sein.
Nick Wolfinger
19.01.2026, 18:44
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Die Syrisch-Arabische Armee (SAA) unter der Führung des früheren islamistischen Rebellenkommandanten und nunmehrigen Übergangspräsidenten Ahmed al-Sharaa befindet sich im kurdischen Autonomiegebiet im Nordosten Syriens weiter auf dem Vormarsch. Vor einem Gefängnis, in dem seit Jahren tausende "vergessene" Kämpfer des besiegten Islamischen Staates (IS) einsitzen, kam es nun zu heftigen Gefechten – und dem Vorwurf, die gefährlichen Männer freigelassen zu haben.

Streit um Bewachung von IS-Terroristen

Zwar war am Sonntag in einem 14-Punkte-Abkommen mit den Kämpfern der syrischen Autonomiegebiete (SDF) eine Übergabe der Bewachung der Gefängnisse vereinbart worden. Da die Details aber noch offen sind – am Montagabend war ein Treffen von Sharaa mit SDF-Kommandant Abdi geplant – sollte bis zur Klärung ein Waffenstillstand eingehalten werden.

Dieses Abkommen, das eigentlich ein Blutvergießen bei der Machtübergabe der bisher selbstverwalteten Region Nord- und Ostsyrien an die Zentralregierung verhindern sollte, wurde aber gebrochen. Am Montag kam es bei Al-Raqqa, Ain-Issa und Shadadi zu Gefechten.

Truppen der Syrischen Armee und mit ihr verbündeter Milizen auf dem Vormarsch im kurdischen Autonomiegebiet in Nordostsyrien.
Reuters

Durch die Einnahme von Ain-Issa durch die syrische Regierung sind die kurdischen Autonomiegebiete nun in zwei nicht miteinander verbundene Teile aufgeteilt.

Heftige Kämpfe vor IS-Gefängnis

Besonders brisant sind auch die Kämpfe, die aus der Stadt Shadadi (Shaddadah) südlich von Al-Hasakah in Nordostsyrien gemeldet wurden. Dort befindet sich eines jener Gefängnisse, in denen seit der Besiegung des Islamischen Staates (IS) bis zu 50.000 IS-Kämpfer, inklusive derer Familien, festgehalten werden. Im Al-Kam-Gefängnis von Shadadi sollen es noch Tausende sein.

Im Zuge des Vorrückens der syrischen Armee Richtung Norden kam es dort zu heftigen Gefechten, wie beide Seiten bestätigen. Auf Telegram teilte die SDF am Montag mit, das Gefängnis, "in dem Tausende von IS-Mitgliedern inhaftiert sind", werde "von bewaffneten Gruppen angegriffen. Es kommt zu heftigen Gefechten mit unseren Streitkräften, die mit dem Schutz des Gefängnisses beauftragt sind. Die Sicherheitslage ist äußerst gefährlich."

"Tausende IS-Terroristen befreit"

Nach stundenlangem Widerstand meldete die SDF am Montagnachmittag, bei den Kämpfen dutzende Tote und Verwundete erlitten und die Kontrolle über das Gefängnis verloren zu haben. Appelle an die "Internationale Koalition", das Gefängnis zu beschützen, blieben ungehört, beklagt die SDF. US-Truppen, die bis vor kurzem noch einen Stützpunkt am Rande der Stadt unterhielten, seien vollständig abgezogen worden.

Nun gibt es gegenseitige Schuldvorwürfe, die aber eines gemeinsam haben: Zahlreiche, angeblich tausende, Insassen sollen befreit worden sein. In einer Presseaussendung des kurdischen Nationalkongresses (KNK) heißt es, die Truppen der Übergangsregierung hätten "tausende IS-Terroristen befreit". Ein Kommandant der Regierungseinheiten behauptet im Gegenzug, die Kurden hätten die Terroristen befreit.

Gegenseitige Schuldvorwürfe

"Wir machen die SDF vollumfänglich für die Freilassung von IS-Mitgliedern aus dem Al-Shaddadi-Gefängnis verantwortlich und werden alles Notwendige tun, um die Ordnung in der Region wiederherzustellen", zitiert die staatliche Nachrichtenagentur Sana den Armee-Kommandanten.

Weiters versprach der Armee-Kommandant, seine Einheiten würden nun das Al-Shaddadi-Gefängnis und seine Umgebung sichern und die Umgebung durchkämmen, "um die von den SDF freigelassenen Gefangenen, die der ISIS-Organisation angehören, festzunehmen."

Noch 50.000 Islamisten in Gefängnissen

Zwischenzeitlich wurden auch Kämpfe um das Al-Aqtan-Gefängnis in Al-Raqqa gemeldet, bei denen die SDF den Tod von 9 ihrer Kämpfer und 20 Verwundete meldete. Videos von der Befreiung von Insassen kursieren im Netz. Bei ihnen soll es sich jedoch um "gewöhnliche" Kriminelle und keine IS-Terroristen handeln.

Im Lager Al-Hol in Nordostsyrien sitzen tausende "vergessene" IS-Kämpfer samt Frauen und Kinder seit Jahren fest. Viele von ihnen sind europäische Staatsbürger, die nicht in ihre Herkunftsländer zurückdürfen.
Reuters

Diese befinden sich vor allem in den großen Lagern Al-Roj und Al-Hol weiter im Nordosten und stehen – noch – unter Kontrolle der SDF. Was die Befreiung von rund 50.000 IS-Kämpfern und ihrer Familien für die Zukunft des Landes bedeuten würde, davor herrscht in der Region nun große Angst. Der vielfach aus einstigen islamistischen Rebellen zusammengesetzten syrischen Armee will man die Bewachung der Gefängnisse jedenfalls nicht anvertrauen.

{title && {title} } NW, {title && {title} } 19.01.2026, 18:44
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