"Als ich die Kosten gesehen habe, habe ich erst geglaubt, es handelt sich um einen Schreibfehler." Anna S. (Name geändert) kann es noch immer nicht fassen, was sie beim Elternabend ihres siebenjährigen Sohnes über die neuen Gebühren der Spätbetreuung zu lesen bekam.
Der Zweitklässler besucht eine Ganztagsvolksschule in Wien-Leopoldstadt. Wenn Anna S. und ihr Mann länger arbeiten müssen, braucht die Familie die sogenannte Spätbetreuung (geht von 15.30 Uhr bis maximal 17.30 Uhr). Und genau die ist mit Beginn des neuen Schuljahres erheblich teurer geworden.
Nach Angaben der 39-Jährigen bezahlte die Familie bisher 127 Euro pro Semester. Nun werden 260 Euro verlangt. Die offizielle Elterninformation der MA 56 bestätigt den neuen Betrag: Für die freiwillige Spätbetreuung nach der achten Unterrichtseinheit an Volksschulen beziehungsweise der neunten an Mittelschulen werden im Schuljahr 260 Euro pro Semester verrechnet.
"127 Euro pro Semester waren noch ok, aber 260 Euro – das ist Wucher!", ärgert sich Anna S. Sie kritisiert auch die Kommunikation. "Die Gebühren wurden sang- und klanglos erhöht." Nach ihren Informationen hätten die Schulen erst im August davon erfahren. Sie selbst beschwerte sich nach dem Elternabend bei der Direktion. Erst auf Nachfrage erhielt sie dann eine Elterninformation der Stadt.
Besonders ärgerlich ist für die Familie, dass sie die zusätzliche Betreuung gar nicht täglich benötigt. Beide Eltern sind berufstätig, Anna S. arbeitet Teilzeit, ihr Mann Vollzeit. Regelmäßig braucht ihr Sohn die Spätbetreuung lediglich an einem Tag pro Woche. Dazu kommen laut seiner Mutter drei- bis viermal im Jahr Tage, an denen sie ihren Sohn ebenfalls länger in der Schule lassen müssen.
Doch einen Tarif nach tatsächlicher Nutzung gibt es nicht. Die Elterninformation hält ausdrücklich fest, dass es sich um Pauschalbeträge handelt und eine Rückverrechnung nicht möglich ist. Die An- oder Abmeldung zur Spätbetreuung ist zudem verbindlich und nur zu Schuljahres- beziehungsweise Semesterbeginn möglich.
Für Anna S. ist ein Verzicht trotzdem keine wirkliche Alternative: "Mein Sohn kann noch nicht allein nach Hause gehen. Vor allem im Winter, wenn es schon früh dunkel wird, nicht." Noch stärker beschäftigt die Familie, was im kommenden Schuljahr passiert. "Unser zweites Kind kommt nächstes Jahr in die Schule", erzählt die 39-Jährige.
Sind dann beide Kinder auf die Spätbetreuung angewiesen, wären beim derzeitigen Tarif 520 Euro pro Semester beziehungsweise 1.040 Euro im Schuljahr fällig. "Mit einem Kind ist es ja noch ok, aber mit zwei Kindern ist das schon eine große finanzielle Belastung", sagt die Wienerin.
Die neue Gebühr betrifft allerdings nicht die reguläre Betreuung in der verschränkten Ganztagsschule (Unterricht am Vormittag und am Nachmittag). In offenen Klassen beziehungsweise Strängen, bei denen der Unterricht nur vormittags stattfindet, beginnt die Spätbetreuung erst nach der achten Unterrichtseinheit.
Neben der Spätbetreuung kommen noch weitere Kosten auf die Eltern zu: Wünscht die Mehrheit am jeweiligen Standort eine Jausen-Verpflegung, kostet diese im Schuljahr 2026/27 zusätzlich 345 Euro pro Kind und Jahr. Spätbetreuung und Jause zusammen schlagen damit mit 865 Euro pro Schuljahr und Kind zu Buche.
Für zwei Kinder wären das – sofern beide Spätbetreuung und Jause nutzen – insgesamt 1.730 Euro pro Schuljahr. Von den Pauschalbeträgen befreit sind nur Bezieher von Mindestsicherung, Ausgleichszulage oder Grundversorgung.
Auch bei der Bezahlung gibt es klare Vorgaben. Die 260 Euro für die Spätbetreuung werden zweimal im Schuljahr fällig. Deutlich formuliert die Stadt auch die Konsequenzen bei offenen Rechnungen – diese könnten "erhebliche Mehrkosten" verursachen. Zudem wird die Spätbetreuung beziehungsweise Jause bei Nichtbezahlung mit sofortiger Wirkung eingestellt. Erst wenn der gesamte Rückstand beglichen ist, kann das Angebot wieder genutzt werden.
Die Erhöhung wurde bereits im Juni vom Wiener Gemeinderat beschlossen. SPÖ-Gemeinderätin Astrid Pany argumentierte damals, dass auch der neue Tarif nicht kostendeckend sei. 260 Euro pro Semester entsprächen etwa 52 Euro im Monat (bei zehn Schulmonaten, Ferien nicht eingerechnet, Anm.) beziehungsweise bei 20 Schultagen 2,60 Euro täglich für zwei Stunden pädagogische Betreuung.
Als weiterer Grund wurde in der Gemeinderatsdebatte genannt, dass sich beim bisherigen niedrigen Tarif zahlreiche Eltern vorsorglich zur Spätbetreuung angemeldet hätten, obwohl sie diese nicht regelmäßig in Anspruch nahmen.
Für Anna S. ist die eklatante Erhöhung jedenfalls nicht nachvollziehbar: "Ich würde mir wünschen, dass die Stadt Wien diese Erhöhung transparent erklärt: Warum steigen die Kosten derart massiv? Wofür werden die zusätzlichen Einnahmen verwendet? Und wurde geprüft, welche Auswirkungen diese Erhöhung auf Familien mit mehreren Kindern hat?" Schließlich müssten Eltern die Betreuung ihrer Kinder langfristig planen und könnten solche Kostensteigerungen nicht einfach kurzfristig auffangen.