Mehrere tausend Soldaten, unterstützt von Panzern und gepanzerten Fahrzeugen, rückten gemeinsam mit Infanterieverbänden auf den Gegner vor – und plötzlich brach das Chaos aus: Im Minutentakt schlugen Drohnen zu, die wie aus dem Nichts auftauchten und schwere Schäden anrichteten.
Innerhalb von nicht einmal 24 Stunden waren zwei top-ausgerüstete, über Jahre trainierte NATO-Bataillone komplett ausgeschaltet. Sie konnten dabei keinen einzigen Gegner erwischen. Das klingt wie ein düsteres Zukunftsszenario, ist laut 20 Minuten aber bei der Simulation im Jahr 2025 genauso passiert. Es zeigt, wie sehr sich die Kriegsführung in den letzten Jahren verändert hat.
Das Wargame war Teil der Nato-Übung "Hedgehog 2025", bei der mehr als 16.000 Soldaten aus 12 Ländern mitgemacht haben. Auch ukrainische Drohnenspezialisten waren dabei – viele von ihnen waren erst wenige Wochen zuvor an der Front. Laut dem "Wall Street Journal" haben gerade diese Experten den Nato-Kommandanten eindrucksvoll vor Augen geführt, wie schlecht das Bündnis auf den modernen Drohnenkrieg vorbereitet ist.
In der Simulation sollten die Nato-Verbände, darunter eine britische Brigade und eine estnische Division, in ein umkämpftes Gebiet vorrücken und dort den Gegner bekämpfen. Der simulierte Feind wollte möglichst schnell für Chaos und Ausfälle sorgen, um die Nato-Truppen zu überlasten – und das ist ihm auch gelungen.
Wie beteiligte Soldaten erzählen, haben die Angriffstruppen total unterschätzt, wie durchsichtig das Schlachtfeld durch Drohnen wird. "Sie sind einfach rumgelaufen, haben sich überhaupt nicht getarnt und Zelte und gepanzerte Fahrzeuge einfach abgestellt", berichtet ein Soldat, der bei der Übung den Gegner gespielt hat, gegenüber der Zeitung.
Das nutzten die zehn ukrainischen Drohnenpiloten gnadenlos aus: In nur einem halben Tag simulierten sie die Zerstörung von 17 gepanzerten Fahrzeugen und rund 30 Luftschlägen auf weitere Ziele. Eine wichtige Rolle spielte dabei auch das ukrainische Delta-Situationserkennungssystem (siehe Kasten).
"Es gab [für die Nato-Truppen] keine Möglichkeit, sich zu verstecken", berichtet Aivar Hanniotti, der damals die simulierten Gegner befehligt hat. Das Ergebnis für die Nato-Truppen beschreibt er als "katastrophal" – zumindest dann, wenn das Bündnis nicht rasch aus der Niederlage lernt und die eigenen Taktiken anpasst.
Estland zählt bei den Nato-Staaten – wie viele osteuropäische Länder – zu den Vorreitern beim Thema Drohnenkrieg. Das Militär hat Ausbildung, Taktik und Lehre auf den neuesten Stand gebracht und die heimische Technologiebranche gefördert, um die Entwicklung von Drohnen und anderen Waffen voranzutreiben. Solche Forderungen hört man inzwischen auch immer öfter aus der Schweiz.
Maria Lemberg von der ukrainischen Non-Profit-Organisation Aeroroswidka warnt aber: Estland sei eine Ausnahme. "Zu viele Nato-Mitglieder zeigen weiterhin ein grundlegendes Unverständnis für das moderne Schlachtfeld und bilden ihre Soldaten auf der Grundlage von Doktrinen und Handbüchern aus, die nicht den heutigen Realitäten entsprechen."
Auch die Reaktion eines der Kommandanten spricht Bände: "We are f***d" – "Wir sind am A***", zog er sein Fazit nach der Übung. Für den estnischen Oberst Probal war die Aktion trotzdem ein Erfolg. Es sei darum gegangen, die Teilnehmer zum Nachdenken zu bringen, sie zu hinterfragen und sie davon abzuhalten, sich auf alten Erfolgen auszuruhen. "Aus meiner Sicht wurde diese Mission erfüllt", so der Oberst.