Eine Unterrichtsaufgabe an einem katholischen Gymnasium in Nordrhein-Westfalen sorgt für heftige Diskussionen. Achtklässler sollten im Fach Sozialwissenschaft ein fiktives Bordell mit dem Titel "Der neue Puff für alle" entwickeln - samt Businessplan, Preislisten und Werbematerial.
Die Aufgabe stammt aus dem umstrittenen Lehrbuch "Sexualpädagogik der Vielfalt", das auch Übungen mit Barbiepuppen in Handschellen, "Taschenmuschis" und eine Aufführung zum Thema "Das erste Mal Analverkehr" enthält.
Der Fall wurde bereits Ende Mai bekannt, sorgt aber weiter für Aufregung. Denn trotz heftiger Kritik verteidigte die Direktorin des katholischen Kardinal-von-Galen-Gymnasiums in Kevelaer das verwendete Lehrbuch.
Obwohl das Schulministerium Nordrhein-Westfalens inzwischen klarstellte, dass die Bordell-Übung den Anforderungen an Sexualerziehung "eindeutig nicht" entspricht, wird das Lehrbuch offenbar weiterverwendet.
Gefordert waren in der Übung Ideen zum Angebot, zur Gestaltung der Räume, zu den dort arbeitenden Personen sowie zu Werbung und Preislisten. Ziel war ein "Freudenhaus der sexuellen Lebenslust".
Außerdem ging es in der Aufgabe darum, welche "Fähig- und Fertigkeiten" Menschen brauchen, die dort arbeiten, "damit alle möglichen Menschen bedient und zufrieden gestellt werden können", berichtet der Westdeutsche Rundfunk (WDR). Im Anschluss war offenbar eine Diskussion vorgesehen.
Eine Schülerin schilderte gegenüber "WDR" ihre Einschätzungen. Die 18-jährige halte es zwar grundsätzlich für richtig, auch das Thema "Sexarbeit" im Rahmen der Sexualerziehung zu thematisieren. Das Alter der Schüler, 13- bis 15-Jährige, sei dabei keineswegs das Problem.
Allerdings müsse das "differenziert" geschehen. Das sei bei dieser Aufgabe im Unterricht nicht der Fall gewesen. "Sexarbeit und Puffs existieren faktisch zum Nachteil von Frauen und wir müssen sie reflektieren und ihre Auswirkungen aufarbeiten, besonders in der Schule", so die Schülerin zu "WDR".
Was in vielen Medienberichten untergeht: Die umstrittene Aufgabe stammt aus dem reformpädagogischen Lehrbuch "Sexualpädagogik der Vielfalt".
Das Praxishandbuch für "Schule und Jugendarbeit" erschien 2008 in erster und 2012 in zweiter Auflage im Beltz-Verlag und "stand bis vor kurzem auf vielen Literaturlisten", deckte die feministische Zeitschrift "Emma" bereits 2016 auf und hinterfragte schon damals den "emanzipatorischen Wert" des Werkes.
Demnach enthalte das Buch Aufgaben wie "Das erste Mal Analverkehr", das Achtklässer (13- bis 15-Jährige) als "Theaterstück, Sketch, Pantomime oder ähnliches" darstellen sollen. Generell würden Pornografie und Prostitution tendenziell positiv und unkritisch dargestellt, kritisiert "Emma".
Laut dem Magazin habe die "Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung" (BZgA), die dem Gesundheitsministerium untersteht, das 2008 erstmals erschienene Lehrbuch sogar empfohlen. Erst 2014 sei öffentlich Empörung darüber ausgebrochen und das Buch von vielen Leselisten verschwunden.
Nachdem die Aufregung an der Schule nicht abebbte, rechtfertigte sich die Direktorin Ende Mai gegenüber "WDR".
„Das Material unter der Überschrift: 'Sexualpädagogik der Vielfalt. Praxismethoden zu Identitäten, Beziehungen, Körper und Prävention für Schule und Jugendarbeit' ist bewusst irritativ angelegt, um zu Diskussionen anzuregen.“Schulleiterin Christina DiehrAuszug aus einer Stellungnahme gegenüber WDR
Nach dem Eklat werde man aber in Zukunft davon absehen, das Projekt "Bordell für Alle" weiterzuführen. Vom Lehrbuch selbst distanzierte sich die Schule jedoch nicht.
Dass das Buch nach wie vor in Schulen eingesetzt wird, wirft Fragen auf. Auslöser der neuen Debatte war eine Kleine Anfrage der AfD im Landtag von Nordhrein-Westfalen. In der Antwort stellt das Ministerium unmissverständlich fest: Das verwendete Unterrichtsmaterial entspreche den Anforderungen an Sexualerziehung "eindeutig nicht".
Das Thema Sexualität müsse in der Schule besonders sensibel behandelt werden, so die Behörde. Das Unterrichtsmaterial müsse nicht nur fachlich korrekt, sondern auch altersgerecht sein und die Urteils- und Handlungskompetenz der Schüler fördern.
Genau das sei bei dieser Aufgabenstellung nicht der Fall. "Diesen Anforderungen genügt das verwendete Material 'Der neue Puff für alle' eindeutig nicht", heißt es in der Stellungnahme des Schulministeriums.
Ob und was für Konsequenzen das nun für den Einsatz des Lehrbuches an Schulen hat, bleibt unklar. Ein Ende der Debatte ist also nicht in Sicht.