Ein brisanter Prozess startet am Mittwoch in Wien: Wegen Vernachlässigens wehrloser Personen muss sich die ehemalige Direktorin einer Seniorenresidenz verantworten. Laut Anklage sollen bei insgesamt 17 Bewohnern massive Pflegeschäden entstanden sein.
Die Staatsanwaltschaft wirft der Angeklagten vor, "von 2019 bis August 2022 als alleinverantwortliche Direktorin nicht die erforderliche Organisation bereitgestellt zu haben, die für eine fachgerechte Betreuung und Pflege nötig gewesen wäre." Zudem soll sie grundlegende Regeln missachtet haben. So seien in der Einrichtung "bloße Heimhilfen als Pflegekräfte eingesetzt" worden, außerdem habe man "teilweise auf fachlich nicht qualifiziertes Fremdpersonal mit mangelnden Sprachkenntnissen zurückgegriffen".
Das Heim, das von einem privaten Betreiber geführt wurde, gibt es in dieser Form inzwischen nicht mehr. Der Pachtvertrag lief aus, eine notwendige Generalsanierung sei im laufenden Betrieb unmöglich gewesen. Rund hundert Bewohner waren zuletzt dort untergebracht, viele wurden über den Fonds Soziales Wien auf andere Einrichtungen verteilt.
Besonders schwer wiegen die Vorwürfe rund um Vertuschung: Um den Personalmangel zu kaschieren, soll die Direktorin etwa inoffizielle Dienstpläne geführt haben. Auch bei der Dokumentation und bei der Medikamentenausgabe soll es gravierende Verstöße gegeben haben.
Die Folgen sollen dramatisch gewesen sein: Bei bettlägerigen Bewohnern sei es zu Mangelernährung und Austrocknung gekommen. Wichtige Wundversorgung sei mehrfach unterblieben. Zudem ist von falsch gesetzten Infusionen und fehlerhaft verabreichten Medikamenten die Rede.
Laut Anklage hätten die Missstände bei 17 Betroffenen zu "schmerzhaften Pflegeschäden" geführt - von Aufliegegeschwüren über Gelenkversteifungen bis hin zu Knochenbrüchen.
Der Prozess ist vorerst auf zwei Tage angesetzt. Im Fall einer Verurteilung drohen der Angeklagten ein bis zu drei Jahre Haft.