40 Jahre Bandgeschichte, ein neues Album und ein ungewöhnlicher Blick auf die Vergangenheit: The Jayhawks sind zurück.
Soeben ist "Sanctuary Park" erschienen. Die Platte führt tief in Erinnerungen, erzählt von Verlust und verpassten Chancen und zeigt gleichzeitig, warum die Band auch nach vier Jahrzehnten noch ihren eigenen Weg geht.
Besonders auffällig ist die neue Single "Mr. Lincoln". Gary Louris, Sänger und Gitarrist der Jayhawks, hat den Song gemeinsam mit Emerson Hart von Tonic geschrieben. Im Mittelpunkt steht eine der bekanntesten Tragödien der US-Geschichte: die Ermordung von Abraham Lincoln am 14. April 1865.
Louris erzählt die Geschichte allerdings aus einem ungewöhnlichen Blickwinkel. Der Song versetzt die Zuhörer in den Orchestergraben des Ford’s Theatre in Washington, D.C. Dort erlebt ein Musiker die Ereignisse jener Nacht unmittelbar mit. Aus einem historischen Moment wird so eine persönliche Geschichte über Schock, Unsicherheit und einen Augenblick, nach dem nichts mehr so ist wie zuvor.
Auch der zuvor veröffentlichte Song "American Midnight" beschäftigt sich mit einem Land in einer schwierigen Phase. Der "Rolling Stone" nahm ihn in seine Auswahl der Songs auf, die man kennen sollte, und beschrieb ihn als "an elegy to a country in flames".
Hinter "Sanctuary Park" steckt aber nicht nur ein Blick auf die große Geschichte. Die Jayhawks beschäftigen sich vor allem mit der eigenen Vergangenheit. Der Titel verweist auf einen echten Park in Dundas im kanadischen Ontario. Gleichzeitig wird daraus auf dem Album ein erfundener Ort, an dem längst vergangene Erinnerungen plötzlich wieder lebendig werden.
Alte Freunde treffen sich dort erneut, frühere Liebesgeschichten bekommen eine zweite Möglichkeit und Menschen können ihrem jüngeren Ich noch einmal begegnen. Die Songs kreisen damit um eine Frage, die viele Menschen kennen: Was wäre gewesen, wenn man an einem bestimmten Punkt im Leben anders entschieden hätte?
Produziert wurde das Album von Bob Ezrin (Pink Floyd, Peter Gabriel, Alice Cooper, Lou Reed). Der Kanadier kennt die Jayhawks bereits lange. Er arbeitete schon am Album "Smile" aus dem Jahr 2000 mit der Band zusammen. Damals entstand eine Platte, die später auch von der "New York Times" als "Klassiker" bezeichnet wurde.
Für die neuen Aufnahmen lud Ezrin die Band nach Toronto ein. Dort entstand "Sanctuary Park" mit einer Arbeitsweise, bei der die Musiker möglichst gemeinsam spielen sollten. Im Mittelpunkt standen dabei die langjährige Verbindung der Bandmitglieder und das Zusammenspiel, das sich über Jahrzehnte entwickelt hat.
"Ich liebe ihre Musik", sagt Ezrin. "Ihr Sound hat etwas Sanftes und Liebliches, und ich habe gemerkt, dass ich mir ein bisschen mehr davon gewünscht habe."
Auch die Jayhawks selbst setzen auf dieses gewachsene Zusammenspiel. Neben Louris sind Keyboarderin Karen Grotberg, Schlagzeuger Tim O’Reagan und Bassist Marc Perlman an Bord. Die vier Musiker kennen sich seit vielen Jahren und haben dadurch eine gemeinsame Art entwickelt, miteinander Musik zu machen.
"Wenn wir alle zusammen in einem Raum sind, gibt es niemanden, der besser ist; wir haben eine gewisse musikalische Magie, die ganz ohne Worte oder Absprachen entsteht." Für die Aufnahmen wurde genau dieses Gefühl genutzt. Die Musiker spielten gemeinsam im Studio, statt jeden Teil möglichst unabhängig voneinander aufzunehmen.
Das passt zum Grundgedanken der Platte. "Sanctuary Park" ist kein Album, das nur zurückschaut. Die Jayhawks nehmen ihre Vergangenheit mit, beschäftigen sich aber ebenso mit dem, was noch vor ihnen liegt.
Dabei spielt Kanada eine überraschend große Rolle. Nicht nur die Aufnahmen fanden dort statt. Auch Produzent und Toningenieure stammen aus Kanada, zudem tauchen im Textmaterial zahlreiche konkrete Bezüge zum Land auf.
Gary Louris hat zu Kanada eine besondere Verbindung. Nach seiner Hochzeit mit seiner Frau Stephanie, einer Kanadierin, erhielt er eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung. Diese Nähe zum Land habe auch seine Sichtweise beeinflusst und sei in die Entstehung der Songs eingeflossen.
Das ist bemerkenswert, weil die Jayhawks lange als typische amerikanische Band wahrgenommen wurden. Ihre Musik ist stark mit dem amerikanischen Songwriting verbunden. Gleichzeitig zeigt "Sanctuary Park", dass diese Einordnung längst nicht die ganze Geschichte erzählt.
Die Wurzeln der Jayhawks liegen in Minneapolis. Ihr erstes, selbstbetiteltes Album erschien 1986 und wird von Fans auch "The Bunkhouse Album" genannt. Genau 40 Jahre später steht nun also eine neue Platte am Beginn eines weiteren Kapitels.
Ihre lange Karriere brachte sie außerdem mit einigen der bekanntesten Namen der Musikgeschichte zusammen. Sie waren mit Ray Davies, Roger McGuinn und Johnny Cash unterwegs und übernahmen teilweise auch die Rolle als Begleitband.
Trotz dieser großen Namen blieb der Kern der Jayhawks aber stets derselbe: gemeinsam Songs schreiben und sie auf der Bühne spielen. Genau diese Beständigkeit zieht sich auch durch "Sanctuary Park".
Und die Reise geht weiter: Im Herbst 2026 und im Frühjahr 2027 wollen die Jayhawks mit "Sanctuary Park" weltweit auf Tour gehen. Das Jubiläumsjahr wird damit nicht nur zum Rückblick auf vier Jahrzehnte Bandgeschichte, sondern auch zum Start in die nächste Etappe.