Drei Jahre sind seit dem 7. Oktober 2023 vergangen. Doch wer heute durch den Kibbuz Nir Oz oder über das Gelände des Nova-Festivals geht, merkt schnell: Hier ist dieser Tag noch lange nicht vorbei – eine "Heute"-Reportage.
In Nir Oz, nur wenige Kilometer vom Gazastreifen entfernt, stehen noch immer zerstörte und ausgebrannte Häuser. In manchen sieht es aus, als wäre die Zeit nach dem Horror-Tag einfach stehen geblieben – demolierte Möbel, Blutspuren der Opfer und durch Schüsse entstandene Löcher in Wänden sind keine Seltenheit.
In einem der Häuser liegt eine Zeitung vom 6. Oktober 2023. Die Bewohnerin hatte sie nur wenige Stunden vor dem Massaker über die Geschehnisse weltweit noch gelesen. Es hätte ein ganz normaler Samstag werden sollen – doch für viele war es der letzte Tag im Leben.
Rita führt uns durch den Kibbuz. Sie lebte selbst hier und hatte Nir Oz nur Stunden vor dem Angriff verlassen. Immer wieder erzählt sie von Menschen, die sie persönlich kannte. Von Nachbarn, Freunden, Familien. Besonders bewegt spricht sie über die damals zwölfjährige Carmella und deren Großmutter. Beide wurden getötet. Von ihren Leichen blieben nach dem Feuer nur Knochen übrig.
Rund neun Stunden lang waren Hamas-Terroristen im Kibbuz. Die israelische Armee erreichte Nir Oz erst Stunden nach Beginn des Angriffs, zu der Zeit hatten sich die Terroristen bereits zurückgezogen. Wieso eine top-moderne Armee in einem kleinen Land wie Israel so lange brauchte, um die Ortschaft zu erreichen, kann auch Rita nicht beantworten.
Während Rita durch die Ruinen geht und über ihre verstorbenen Freunde und Familienmitglieder spricht, wird sie immer wieder emotional. "Jeden Tag wachen wir auf und hoffen, dass es nur ein Traum war", sagt sie. Trotzdem wolle man Nir Oz wieder aufbauen, mehr als 200 neue Häuser sollen entstehen. "Nir Oz wird nie wieder derselbe sein", sagt Rita. "Wir wollen hier kein Museum. Wir wollen ein neues Leben."
Noch bedrückender wird der Besuch wenige Kilometer entfernt auf dem Gelände des Nova-Festivals. Hier feierten am Morgen des 7. Oktober Tausende junge Menschen ein Fest der Musik, doch für viele war es ein Weg in den Tod. Heute stehen auf dem Gelände Bilder und Gedenktafeln für die Ermordeten.
Als 25-Jähriger ist es schwer, hier nur Beobachter zu bleiben. Ein Moment der Reflexion setzt ein. Die Menschen, deren Gesichter einen von den Schildern ansehen, waren in meinem Alter. Sie waren jung, voller Lebensfreude, wollten Musik hören, feiern, tanzen und danach wieder nach Hause fahren – zu Freunden, Kindern und Familie. Der Gedanke kommt unweigerlich: Das hätte ich sein können.
Besonders bleibt ein Container in Erinnerung. Mehrere junge Menschen versteckten sich hier während des Angriffs über Stunden. Im Inneren ist heute ein Chatverlauf dokumentiert. Während draußen geschossen wurde, schrieben die Eingeschlossenen ihren Eltern und Bekannten, berichteten, dass sie noch am Leben waren. Dann, um 11.47 Uhr, drang ein Terrorist in das Versteck ein und tötete mehrere Menschen. Im Chat brechen die Antworten ab.
Auf dem Gelände treffen wir Mazal. Sie war am 7. Oktober selbst beim Nova-Festival. Ihre beiden Freunde – Danielle und Yochai – überlebten den Angriff nicht.
Die Nacht zuvor beschreibt sie als wunderschön. Den genauen Ort des Festivals hatte sie selbst erst wenige Stunden vor Beginn erfahren – aus Sicherheitsgründen. Als sie am Morgen in ihr Zelt ging und plötzlich die Sirenen ertönten, geriet sie zunächst nicht in Panik. Raketenalarm war für sie nichts völlig Unbekanntes. Sie glaubte sogar, dass die Party später weitergehen könnte.
Doch auf der Flucht geriet sie mit ihren Freunden in einen Stau. Erst nach und nach wurde ihnen klar, dass bewaffnete Terroristen in der Gegend waren. Sie versuchten, durch das Gelände zu entkommen, hörten Schüsse aus verschiedenen Richtungen und ließen schließlich ihr Auto zurück. Erst da realisierte sie, dass irgendetwas nicht passt.
Mazal versteckte sich zunächst auf dem Festivalgelände unter Büschen, während um sie herum Schüsse fielen. Sie stellte sich schließlich tot. Da sie sich während der Flucht eine Platzwunde zugezogen hatte, hielten die Terroristen sie vermutlich für tot. Als die Terroristen das gesamte Gelände schließlich in Brand setzten, gelangte sie zu einem verlassenen Auto. Zwei Stunden lang lag sie dort unter der Rückbank und wartete.
Drei Jahre später ist sie wieder an dem Ort, an dem ihre Freunde starben. Als wir vor deren Gedenkschild stehen, kann Mazal ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. "Es waren tolle Menschen, die friedlich feiern und sie selbst sein wollten", sagte sie uns.
Auf ein Festival ist sie seit dem 7. Oktober nicht mehr gegangen. Etwas halte sie bis heute davon ab, erzählt sie. Dabei sei sie bis zum Nova-Festival eine begeisterte Liebhaberin gewesen.
Trotz allem spricht sie nicht von Rache. Sie wünsche sich ein friedliches Zusammenleben und eine politische Führung, die das möglich macht. Ähnlich formuliert es Rita in Nir Oz: "Wir hassen die Palästinenser nicht. Wir wollen in Frieden leben."
Was vom Besuch bleibt, sind nicht nur die zerstörten Häuser und die Bilder der Opfer. Es sind vor allem die Menschen, die mit dem Trauma des 7. Oktober weiterleben müssen – einer Wunde, die nie mehr verheilt.