Immer mehr Eltern melden sich, weil ihre Kinder sich in der Schule ungerecht behandelt fühlen, für beide Seiten ist die Situation belastend. Die Expertinnen von "Rat auf Draht" geben nun konkrete Tipps, wie man damit umgehen kann.
"Bei den Eltern löst das viele Sorgen, Ärger, aber auch Hilflosigkeit aus", so Barbara Binder, Psychotherapeutin und Beraterin bei elternseite.at, dem Beratungsangebot für Eltern und Bezugspersonen von Rat auf Draht. "Vielleicht berichtet ihr Kind davon, im Unterricht regelmäßig übersehen zu werden, bei Fragen keine Chance zu bekommen, seine Meinung zu äußern, oder es hat das Gefühl, die Lehrkraft würde es besonders streng oder ablehnend behandeln", so Binder.
Manchmal äußert sich unfaire Behandlung auch in Form von wiederholt schlechten Noten, die das Kind nicht nachvollziehen kann, spitzen Bemerkungen vor der Klasse oder mangelnder Unterstützung bei Schwierigkeiten in einem Unterrichtsfach.
Die Zahl der Beratungen steigt deutlich: Während sich 2024 noch 30 Eltern meldeten, waren es 2025 bereits 49 – ein Plus von rund 63 Prozent. "Die Eltern wissen sehr oft nicht, wie sie darauf angemessen reagieren sollen", erklärt Binder. Viele wollen ihr Kind schützen, gleichzeitig aber "die Situation auch sachlich und vernünftig klären".
Eltern sollten zuerst genau zuhören. "Auch, wenn sie vielleicht nicht sofort alles nachvollziehen können, nehmen Sie die Schilderungen ernst und hören aufmerksam zu", rät Binder. Wichtig sei auch, nach Gefühlen und möglichen Zeugen zu fragen. "Zeigen Sie Verständnis, dass das Kind deshalb traurig oder wütend ist. Das gibt ihrem Nachwuchs Rückhalt."
Um Klarheit zu schaffen, empfiehlt die Expertin, Situationen zu dokumentieren, schriftlich mit Datum, Uhrzeit, Beteiligten und Inhalt des Geschehenen. "Fragen Sie Ihr Kind, ob Mitschüler:innen oder andere Erwachsene dabei waren und wie diese die Situation erlebt haben." Auch Nachrichten, Mails oder Einträge im Mitteilungsheft können helfen, Vorfälle zu belegen.
Eltern sollen ihrem Kind vermitteln, dass es keine Schuld trägt. Gleichzeitig könne man üben, ruhig und sachlich zu reagieren. Beispielsweise könnte es mit Sätzen wie "Ich finde das unfair, weil" oder "Können wir das bitte klären?" darauf reagieren. "Ihr Kind hat sicher auch früher schon einmal eine schwierige Situation großartig gemeistert. Daran sollten sie es erinnern. Das gibt Mut. Erklären Sie ihm auch, dass nicht jede Kritik persönlich gemeint ist, aber auch nicht alles hingenommen werden muss", so die Expertin.
Ein wichtiger Schritt ist das direkte Gespräch mit der Lehrerin. "Vereinbaren Sie vorab einen Termin und schreiben Sie sich ihre Fragen und ihr Anliegen auf. Wenn möglich sollten beide Eltern (oder eine andere zusätzliche Vertrauensperson) mit dem Kind zum Gespräch kommen, betont die Expertin. "Übernehmen Sie das Gespräch, lassen sie Ihr Kind aber auch zu Wort kommen, wenn es das möchte."
Emotionen sollte man nicht die Führung überlassen und von Anschuldigungen absehen. "Formulieren Sie stattdessen Ich-Botschaften wie "Mir ist aufgefallen, dass", nennen Sie konkrete Beispiele und bleiben Sie bei den Fakten. Fragen Sie die Lehrkraft, wie man die Situation verbessern könnte und bringen Sie auch Ihre eigenen Vorschläge ein." Die besprochenen Punkte sollte man schriftlich festhalten und einen Folgetermin vereinbaren.
Bleibt das Problem bestehen, können sich Eltern auch an Klassenvorstand, Vertrauenslehrer oder Schulpsychologen wenden. In schweren Fällen – etwa bei Mobbing oder Diskriminierung – sind auch Bildungsdirektion oder Ombudsstellen mögliche Anlaufstellen.