Normalerweise läuft hier alles auf Hochtouren. Im Simmeringer Kraftwerk wird zwar weiterhin gearbeitet – die Maschinen bleiben jetzt bis 26. August jedoch aus. Grund dafür ist ein Generalstillstand – und dieser ermöglicht Einblicke, die selbst für viele Mitarbeiter nicht alltäglich sind.
Seit 1902 lieferte Österreichs größtes Kraftwerk in Simmering Strom. Heute ist es eine der modernsten Anlagen Europas und das Herz der Wiener Stromversorgung. Bekannt für die markanten rot-weiß-roten Schornsteine, bietet die Anlage so viel mehr: Auf 300.000 Quadratmetern betreibt Wien Energie am Kraftwerksstandort unter anderem drei erdgasbetriebene Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen, ein Biomassekraftwerk, zwei Großwärmepumpen, einen Wärmespeicher, mehrere Photovoltaikanlagen und ein Kleinwindrad.
Jedes Jahr finden gestaffelte Revisionen, Service- und Wartungsarbeiten statt, doch heuer ist alles anders: Mit einem sechswöchigen Generalstillstand soll auch künftig die Versorgungssicherheit sichergestellt werden, 450 Mitarbeiter sind dafür im Einsatz. Zuletzt wurde das gesamte Kraftwerk vor über 20 Jahren heruntergefahren.
Anlagen, Systeme und die Infrastruktur werden serviciert, die Kühlung und Entstickungsanlagen inspiziert, modernisiert und gewartet – alles in Abstimmung mit den Netzbetreibern. Die Wartung erfolgt im Sommer, denn im Winter müssen die Kraftwerksblöcke neben der Stromerzeugung auch für die Fernwärmeerzeugung bereitstehen.
"Heuer ist ein super Jahr für uns", freut sich Kraftwerksleiterin Michaela Killian. "Solche Stillstände sind eine Seltenheit und es ist für alle Mitarbeiter super in Bereiche zu kommen, in die man sonst gar nicht kommt."
Auch "Heute" durfte das Kraftwerk besuchen und besondere Einblicke bekommen – darunter ein "Besuch" im 30 Meter hohen Heizkessel der Biomasseanlage, in dem es während des Betriebs bis zu 900 Grad heiß ist und der nun innen saniert wird.
"Ziemlich leer hier", wunderte sich Reporterin Mresch, die jeden ihrer Schritte durch den Hall mehrmals hörte.
Die Biomasseanlage von Wien Energie und den Bundesforsten ist die größte ihrer Art in Österreich. Sie versorgt pro Jahr etwa 19.000 Haushalte mit Wärme und 50.000 Haushalte mit Strom. Beliefert wird sie von den Bundesforsten mit Hackgut, also Abfällen, die bei der Bewirtschaftung von Wäldern entstehen.
Verfahrenstechnikerin Katrin Hammerschlag führte das Team auch in die Entladegasse des Biomassekraftwerks, die derzeit serviciert und wieder "fit" gemacht wird. Hier wird das Holz angeliefert und in die Anlage befördert – genau das soll künftig noch rascher passieren.
Das Kraftwerk Simmering gehört zu den umweltfreundlichsten Standorten Europas. "Das bedeutet, alle Emissionswerte werden eingehalten, wir haben einen hohen Brennstoff-Nutzungsgrad, also eine hohe Effizienz", erklärt Killian. "Es ist nicht nur mehr ein fossiler Standort, wir sind mitten in der Energietransformation angekommen."
Im Fall eines Blackouts ist das Kraftwerk übrigens gerüstet: "Wir haben zwei schwarzstartfähige Gasturbinen in Simmering, können uns also ohne Strom von außen selbst versorgen und am Netzaufbau aktiv mitarbeiten", so die Leiterin.
Wie lange es dauert, bis die Stadt wieder mit Strom versorgt werden kann, könne man nicht pauschal sagen: "Das hängt immer von den technischen Ursachen ab. Wir haben aber regelmäßige Schwarzstartversuche und Trainings, die möglichst viele Szenarien abdecken, um im Fall der Fälle bestmöglich reagieren zu können." Kritische Situationen gäbe es in jedem Beruf, so Killian, diese würden das Team aber zusammenschweißen und stärker machen.
1902 versorgte das Kraftwerk Simmering noch die Straßenbeleuchtungen mit Strom – heute mehr als die Hälfte der Wiener Haushalte. Rund 270.000 Haushalte werden mit Fernwärme versorgt. "Da hat sich viel getan", fasst Killian zusammen und ergänzt: "Für jeden, der Technik im Herzen hat, ist das beeindruckend!"