Beunruhigende Ergebnisse

Alzheimer kann übertragbar sein – laut Studie

Bei einer Handvoll Patienten, die ein menschliches Wachstumshormon von verstorbenen Spendern erhielten, traten Anzeichen auf. Experten ordnen ein.

Alzheimer kann übertragbar sein – laut Studie
Laut neuen Forschungsergebnissen kann Alzheimer unter gewissen Voraussetzungen ansteckend sein.
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Alzheimer ist die mit Abstand häufigste Demenzform weltweit – allein in Österreich sind Schätzungen zufolge rund 150.000 Menschen betroffen. Bisher kannte man zwei Formen der Erkrankung, bei der Nervenzellen im Gehirn absterben: Die altersbedingte, sogenannte sporadische Variante kommt am häufigsten vor, deutlich seltener ist die genetisch bedingte Form.

Nun schreiben britische Mediziner im Fachblatt "Nature Medicine" von einem dritten Typus, der unter bestimmten Voraussetzungen von Mensch zu Mensch übertragen und viele Jahre später als Krankheit auftreten könne.

Prozedur vor 40 Jahren eingestellt

Die britische Studie basiert auf einer Analyse von acht Patientinnen und Patienten, die in ihrer Kindheit Wachstumshormone erhalten hatten, welche aus dem Hirngewebe von Verstorbenen gewonnen wurden. Diese Art der Gewinnung von Wachstumshormonen wurde von 1959 bis 1985 weltweit praktiziert. Im Vereinigten Königreich erhielten in diesem Zeitraum insgesamt 1.848 Personen diese Therapie. Als 1985 bekannt wurde, dass einige der behandelten Patientinnen und Patienten auffällig früh die Creutzfeld-Jakob-Krankheit (CJD) entwickelten, wurde die Methode eingestellt.

Indizien für eine Alzheimer-Erkrankung unter diesen Voraussetzungen gab es bereits 2015. Die Forschenden konnten in den Gehirnproben von Personen, die in ihrer Kindheit eine Hormontherapie erhalten hatten und an CJD verstorben waren, Amyloid-β-Proteine nachweisen. Daraufhin untersuchten die Forschenden die archivierten Chargen der damals verwendeten Hormonpräparate und fanden messbare Mengen von fehlgefalteten Amyloid-β- und Tau-Proteinen. Diese Proteine sind in der Lage, die Krankheit auszulösen.

Demenz-Symptome

In ihrer aktuellen Studie berichtet die Gruppe um John Collinge von der Londoner National Prion Clinic (NPC) nun von acht Personen, die in der Vergangenheit Wachstumshormone erhalten hatten, aber nicht an CJD erkrankt sind. Fünf dieser Patientinnen und Patienten wiesen im Alter von 38 bis 55 Jahren Symptome auf, die mit einer früh einsetzenden Demenz übereinstimmen und diagnostische Kriterien für Alzheimer erfüllen. Blutuntersuchungen bestätigten bei zwei Personen die Alzheimerdiagnose.

Die Alzheimer-Krankheit sollte nun als potenziell übertragbare Störung anerkannt werden.

Den Autorinnen und Autoren zufolge sprechen die Ergebnisse deutlich dafür, dass Alzheimer auch aufgrund einer medizinischen Maßnahme übertragen werden kann. "Die Alzheimer-Krankheit sollte nun als potenziell übertragbare Störung anerkannt werden", schreibt das Team im Fachjournal "Nature Medicine".

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    IMAGO/ZUMA Wire

    Das sagt ein Experte

    PD Dr. Michael Beekes, Leiter der Forschungsgruppe Prionen und Prionoide am Robert Koch-Institut, sagt: "Die beschriebenen Demenzerkrankungen erfüllen diagnostische Kriterien, wie sie in unterschiedlichen etablierten Empfehlungen zur Bestimmung möglicher oder wahrscheinlicher Demenzformen vom Alzheimer-Typ herangezogen werden. Es handelt sich dabei nicht um einen definitiven neuropathologischen Alzheimer-Nachweis." Es seien daher weitere Studien wünschenswert und erforderlich, um die weitreichenden Schlussfolgerungen des Autorenteams zu überprüfen und gegebenenfalls zu stützen. Außerdem sei es bei einigen chirurgischen Eingriffen bereits gängig, dass die Instrumente gegen Prionen aufbereitet würden. "Untersuchungen haben gezeigt, dass diese Behandlungen zumindest teilweise auch gegen Amyloid-β, -Tau und α-Synuclein wirksam sind."

    "Aus meiner Sicht erscheint es verfrüht, das klinische Syndrom der Patienten bereits aufgrund der aktuell berichteten Daten als durch ärztliche Behandlung verursachte Alzheimerkrankheit zu bezeichnen und die Alzheimerkrankheit somit als übertragbar anzusehen."

    20 Minuten, red
    Akt.