Training für Trainer

AMS schickt Bewerbungscoach ins Bewerbungstraining

Jahrelang beriet Norbert M. Personen und Unternehmen als Berufscoach. Jetzt ist er arbeitssuchend – und wird selbst in Bewerbungstrainings geschickt.
Christine Ziechert
01.09.2026, 05:30
Loading...
Angemeldet als Hier findest du deine letzten Kommentare
Alle Kommentare
Meine Kommentare
Sortieren nach:

Kommentare neu laden
Nach oben
Hör dir den Artikel an:
00:00 / 02:45
1X
BotTalk

Vom Trainer zum AMS-Kursteilnehmer: Für Norbert M. (57) hat die Arbeitssuche inzwischen eine geradezu absurde Wendung genommen. Der Wiener arbeitete selbst jahrelang als Trainer, Coach und Betriebskontakter im arbeitsmarktpolitischen Bereich.

Er beriet Arbeitssuchende bei Berufsorientierung, Bewerbungen und Jobsuche – nun schickt ihn das AMS selbst zu genau solchen Angeboten. "Das System versucht, bei mir Fähigkeiten aufzubauen, deren Vermittlung selbst Teil meiner beruflichen Tätigkeit war", kritisiert der 57-Jährige.

"Heute" auf Google als bevorzugte Quelle festlegen

Jahrzehntelange Erfahrung als Trainer

An Erfahrung mangelt es ihm auf jeden Fall nicht: So war der 57-Jährige etwa von Juli 2024 bis September 2025 als Betriebskontakter und Outplacer bei einem Unternehmen tätig. Zuvor war er unter anderem Trainer beim Österreichischen Integrationsfonds, und 2022 arbeitete er als Trainer und Coach bei einer Firma, die Transitarbeitskräfte vermittelt. Dort konzipierte er Trainings für am Arbeitsmarkt benachteiligte Menschen.

Zuletzt war Norbert M. Anfang des Jahres bei einem Beratungsunternehmen als Coach für Jugendliche tätig: "Die Stelle war auf drei Monate befristet – mit der Option auf Verlängerung. Und welche 'Überraschung': Die Anstellung wurde natürlich nicht verlängert", ist der 57-Jährige frustriert.

Bewerbung bei Beratungsunternehmen

Seit dem heurigen April ist der Wiener nun beim AMS gemeldet, hat nach eigenen Angaben seitdem rund 20 Bewerbungen verschickt. Am 30. April bewarb sich Norbert M. etwa bei einem Personalberatungsunternehmen als Trainer. Am 13. Mai schickte ihm das AMS ausgerechnet dieselbe Stelle als Vermittlungsvorschlag. Am 22. Mai erhielt er schließlich eine Absage.

Wenige Monate nach der Absage wurde es dann kurios: Das AMS lud den 57-Jährigen am 18. August zur "Beratungs- und Betreuungseinrichtung für Ältere/Early Intervention 55+" ein. Veranstalter war ausgerechnet jene Firma, bei der er sich zuvor als Trainer beworben hatte.

Beraterin hat "seine" Stelle bekommen

Beim Termin erlebte der Wiener dann die nächste Überraschung: "Meine neue Beraterin hatte ausgerechnet die Stelle bekommen, auf die ich mich beworben hatte." Laut Norbert M. sei die etwa 25-Jährige zuvor Praktikantin im Unternehmen gewesen.

Der Wiener macht der jungen Beraterin keinen persönlichen Vorwurf, kritisiert aber: "Ich bin 57 Jahre alt, verfüge selbst über einschlägige Berufserfahrung und werde verpflichtend genau jener Firma als 55+-Arbeitsloser zur Beratung zugewiesen, bei der ich zuvor selbst als Trainer/Berater arbeiten wollte."

AMS wies auf Mitwirkungspflicht hin

Vor Ort erklärte der 57-Jährige daher, dass er dort keinen sinnvollen Beratungsbedarf sehe. Wenig später meldete sich seine AMS-Beraterin: Man habe die Meldung erhalten, dass er nicht teilnehmen wolle. Gleichzeitig folgte der Hinweis: "Ich möchte Sie nochmals darauf hinweisen, dass Sie verpflichtet sind an Terminen, Maßnahmen etc des AMS mitzuwirken und teilzunehmen – möchten Sie dies nicht, müssen Sie sich vom AMS abmelden."

Die AMS-Beraterin wies auf die Mitwirkungspflicht hin.
zVg

Norbert M. stellte beim AMS klar, dass er weder die Zusammenarbeit noch grundsätzlich die Teilnahme an Maßnahmen verweigere – das Angebot der Firma sei für ihn aber keine geeignete Unterstützung. Das AMS akzeptierte die Erklärung, gleichzeitig reservierte die Beraterin einen neuen Termin bei einer Firma für Transitarbeitskräfte.

Termin bei einem ehemaligen Arbeitgeber

Doch damit wurde die Situation noch absurder: Denn genau bei dieser Firma hatte er 2022 selbst als Trainer und Coach gearbeitet. Mehr noch: Am 5. August hatte er sich dort erneut eigenständig als Personalberater und Trainer beworben (und bis jetzt keine Antwort erhalten). Das teilte der 57-Jährige seiner AMS-Beraterin unmittelbar mit.

Trotzdem muss er am 1. September beim verpflichtenden "Bewerbungstag" erscheinen. Dort erwarten die Teilnehmer etwa Unterstützung bei der Erstellung von Bewerbungsunterlagen, Hilfe bei der Arbeitsplatzsuche sowie bei Bedarf Qualifizierungen, Weiterbildungen und Training-on-the-Job. Für Norbert M. ist das die nächste Rollenverkehrung: "Ich war dort der Trainer. Jetzt soll ich dort lernen, wie man sich bewirbt."

"Kein Mangel an Bewerbungskompetenz"

Am 20. August flatterte ihm zudem noch eine Einladung des AMS zum kostenlosen Online-Special "Boost Your Career!" herein. Dort geht es um professionelle Bewerbungsunterlagen, Motivationsschreiben, Lebenslauf, individuelle Stärken und KI-Tools für Bewerbungen. Also wieder um Themen, mit denen Norbert M. selbst beruflich gearbeitet hat.

"Mein eigentliches Problem ist, dass das AMS meine Arbeitslosigkeit offenbar so behandelt, als läge das Defizit bei mir: Beratung, Bewerbungscoaching, Aktivierung, Qualifizierung." Bei ihm bestehe nachweislich kein Mangel an Bewerbungskompetenz oder beruflicher Orientierung. Trotzdem würden genau dort Maßnahmen angesetzt, statt zunächst zu klären, warum ein qualifizierter 57-Jähriger trotz einschlägiger Erfahrung nicht vermittelt werde.

Wunsch nach konkreter Vermittlung

Was er sich stattdessen erwartet? "Dass das AMS zuerst prüft, wo mein tatsächliches Vermittlungsproblem liegt. Bei mir braucht es kein Bewerbungstraining. Sinnvoll wären konkrete Vermittlung, Kontakte zu passenden Arbeitgebern und vor allem eine realistische Auseinandersetzung damit, warum ein qualifizierter 57-Jähriger trotz passender Erfahrung kaum Chancen bekommt."

"Heute" fragte beim AMS nach, warum der Wiener in Bewerbungscoachings geschickt wird: "Herr M. kann als Coach und Trainer auch im eigenen Fachbereich von Coaching profitieren. Ein Coach, der anderen Entwicklung und Reflexion empfiehlt, nimmt diese Möglichkeiten in der Regel auch für sich in Anspruch, und Herr M. wollte das auch tun. Herr M. steht über MeinAMS in Austausch mit seiner Beraterin und hätte sie sehr einfach über seine Bedenken in Kenntnis setzen können."

{title && {title} } cz, {title && {title} } Akt. 01.09.2026, 10:32, 01.09.2026, 05:30