"Habe große Ohren bekommen"

Armin Wolf lag falsch – Irrtum in "ZiB2" aufgedeckt

Jahrzehntelang galt Maria Rothschedl als Österreichs erste Bürgermeisterin. Ein steirischer Historiker zeigt nun: Eine andere Frau war früher dran!
25.10.2026, 13:00
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Ein einziger Satz in der "Zeit im Bild 2" brachte einen steirischen Historiker auf den Plan. ORF-Moderator Armin Wolf bezeichnete Maria Rothschedl, die 1946 Bürgermeisterin von Oberhaag wurde, als erste Bürgermeisterin Österreichs. Doch genau das stimmt nach den Recherchen von Meinhard Brunner nicht.

Denn bereits 1923 stand eine Frau an der Spitze einer österreichischen Gemeinde. Ihr Name: Franziska Meisinger. Die Steirerin wurde damit 23 Jahre vor Rothschedl zur Bürgermeisterin gewählt – das berichtet aktuell die "Kleine Zeitung".

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Aussage in ZiB 2 sorgt für Aufmerksamkeit

Auslöser war ein Beitrag über ein Vernetzungstreffen österreichischer Bürgermeisterinnen, den Armin Wolf im Sommer anmoderierte. Dabei verwies der ORF-Journalist auf Maria Rothschedl aus der Südsteiermark, die in zahlreichen Medienberichten und Nachschlagewerken als erste Bürgermeisterin Österreichs geführt wird.

Für den Historiker Meinhard Brunner war die Aussage ein Anlass, auf einen lange bekannten Irrtum aufmerksam zu machen. "Da habe ich große Ohren bekommen, weil sie keineswegs die erste Bürgermeisterin war", sagt Brunner gegenüber der "Kleinen Zeitung".

Der Mitarbeiter der Historischen Landeskommission für Steiermark hatte die frühere Bürgermeisterin bereits 2008 im Rahmen einer historischen Untersuchung zum Bezirk Judenburg nachgewiesen.

Franziska Meisinger war schon 1923 Bürgermeisterin

Die tatsächliche Pionierin hieß Franziska "Fanny" Meisinger. Sie übernahm im Mai 1923 das Bürgermeisteramt in der Marktgemeinde Unzmarkt im heutigen Bezirk Murtal.

"Das war nur fünf Jahre, nachdem Frauen in Österreich überhaupt erst gesetzlich das volle aktive und passive Wahlrecht zugesprochen bekommen haben", erklärt Brunner im Gespräch mit der "Kleinen Zeitung". Dennoch blieb ihre Geschichte über Jahrzehnte weitgehend unbekannt.

Bis heute wird Maria Rothschedl in Wikipedia, Medienberichten und anderen Darstellungen als erste Bürgermeisterin Österreichs bezeichnet. Brunner hat seine Erkenntnisse nun erneut aufgearbeitet und in einem Beitrag der Historischen Landeskommission veröffentlicht.

"Jetzt lehne ich mich einmal zurück und bin gespannt, wann Wikipedia und andere die Erkenntnisse übernehmen", schmunzelt der Historiker gegenüber der Tageszeitung.

Schon 1919 zog sie in den Gemeinderat ein

Franziska Meisinger war bereits vor ihrer politischen Karriere eine bekannte Persönlichkeit in Unzmarkt. Ihr Ehemann Otto Meisinger war Arzt und hatte in der Zeit der Monarchie selbst eine führende Rolle in der Gemeinde gespielt. Er starb 1903 und hinterließ seiner Witwe offenbar Immobilienbesitz.

Bei der Gemeinderatswahl am 27. Juli 1919 trat Meisinger für die Wirtschaftspartei an und gewann ein Mandat. Anschließend wurde sie zur zweiten Stellvertreterin des Bürgermeisters gewählt, heißt es in dem Bericht der "Kleinen Zeitung".

Das war damals eine Seltenheit. Von den 1.030 steirischen Ortsgemeinden hatten nur wenige überhaupt weibliche Gemeinderatsmitglieder. Laut Brunner lassen sich für diese Zeit zumindest 28 entsprechende Fälle nachweisen.

Nach politischen Turbulenzen an die Spitze

In den folgenden Jahren kam es in der Unzmarkter Gemeindepolitik immer wieder zu Auseinandersetzungen. Ende 1922 dachte Meisinger bereits daran, sich aus der Kommunalpolitik zurückzuziehen.

Doch nach mehreren Wechseln an der Gemeindespitze wurde sie im Mai 1923 selbst zur Bürgermeisterin gewählt. Zunächst erfolgte ihre Wahl durch "Acclamation", also durch Zustimmung ohne förmliche Stimmabgabe. Später wurde die Entscheidung durch eine Abstimmung mit Stimmzetteln bestätigt, berichtet die "Kleine Zeitung".

Bis Februar 1924 führte Meisinger die Gemeinde. Danach legte sie ihr Mandat nieder. Warum sie diesen Schritt setzte, ist nicht bekannt. Sie blieb in Unzmarkt und starb dort 1937 im 75. Lebensjahr.

Frauen an Gemeindespitzen weiterhin selten

Mehr als 100 Jahre nach Meisingers Amtsantritt sind Frauen in Österreichs Gemeindepolitik weiterhin deutlich in der Minderheit.

Laut den angeführten Zahlen des Gemeindebundes stehen 254 Bürgermeisterinnen insgesamt 1.838 männlichen Gemeindechefs gegenüber. Damit wird nur rund jede neunte der 2.092 österreichischen Gemeinden von einer Frau geführt, schreibt die Tageszeitung.

In der Steiermark sind es 25 Bürgermeisterinnen, was einem Anteil von knapp neun Prozent entspricht. In Kärnten gibt es zehn Orts- und Stadtchefinnen, dort liegt der Anteil unter acht Prozent.

Auf ihrem Grabstein fehlt das Bürgermeisteramt

Franziska Meisinger liegt auf dem Friedhof von Unzmarkt begraben. Wer heute ihr Grab besucht, findet dort laut "Kleine Zeitung" allerdings keinen Hinweis darauf, dass sie bereits 1923 eine österreichische Gemeinde leitete.

Auf ihrem Grabstein steht lediglich die Bezeichnung "Arztenswitwe". Dass sie Jahrzehnte vor der bisher weithin bekannten Pionierin Bürgermeisterin war, blieb damit selbst an ihrer letzten Ruhestätte unerwähnt.

red, 25.10.2026, 13:00
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