Während am Freitag Argentinien und mehr als 80.000 Fans im Lusail-Stadion in Doha den Einzug ins WM-Halbfinal feierten, kämpfte das medizinische Personal um das Leben von Grant Wahl auf der Pressetribüne.
Weltklasse-Szenen von Lionel Messi, ein atemberaubender Last-Minute-Ausgleich der Niederlande in der elften Minute der Nachspielzeit, viele Emotionen und hitzige Duelle – das WM-Viertelfinal zwischen der Niederlande und Argentinien hatte einiges zu bieten. Doch während viele der knapp 90.000 Zuschauer im Lusail-Stadion das Elfmeterschießen verfolgten und anschließend die argentinische Mannschaft bejubelten, kämpfte medizinisches Personal auf der Tribüne um das Leben eines Journalisten.
Es lief die zweite Hälfte der Verlängerung, als wenige Meter neben dem Tisch der Schweizer Kollegen von "20 Minuten" plötzlich Hektik ausbricht auf der Pressetribüne: "Medic! Medic! Medic!" ist zu hören. Die dramatischen Schilderungen des Schweizer Journalisten Tobias Wedermann vor Ort:
Es geht keine zehn Sekunden, und die ersten Sanitäterinnen und Sanitäter kommen die Tribüne heruntergerannt. Die Stühle aus der Reihe vor uns werden alle auf die anderen Plätze geworfen, damit die Einsatzkräfte genug Platz haben. Die Schockstarre in den Gesichtern der Journalisten eine Reihe vor uns macht schnell klar, wie ernst die Lage ist.
Immer mehr Medizinpersonal sowie Ärzte mit Defibrillatoren kommen auf den Presseteil der Tribüne. Während sich die Teams auf dem Platz auf das Penaltyschießen vorbereiten, wird ein Mann seit Minuten wiederbelebt. Vermeintlich argentinische Fans hinter uns beschweren sich über die eingeschränkte Sicht aufgrund des Medizinpersonals, obwohl es sich offensichtlich um einen schwerwiegenden Notfall handelt. Andere Fans versuchen, Videos zu machen – auch Journalisten zücken ihre Handys, werden aber wiederum von anderen Presseangehörigen zurechtgewiesen. Es fällt uns allen schwer, uns auf das Geschehen auf dem Platz zu fokussieren.
Das Penaltyschießen auf dem Platz ist vorbei, Argentinien ist im WM-Halbfinale. Die Stimmung im Stadion ist laut, ausgelassen. Bis auf die Pressetribüne. Dort wird ein Journalist weiter behandelt und dann rund 15 Minuten später abtransportiert, mit einer mechanischen Reanimationshilfe auf der Brust. Es sind belastende und schockierende Szenen. Ein Journalist neben uns sagte: "Ich kenne ihn, er ist der bekannteste Fußballjournalist in den USA."
Noch in der Nacht wird dann bekannt: Der US-Sportjournalist Grant Wahl ist im Alter von 49 Jahren verstorben. Die Trauer in der US-Sportszene und bei den Journalisten in Katar ist groß. Selbst Fifa-Präsident Gianni Infantino verschickt wenige Stunden nach Bekanntwerden von Wahls Tod eine Medienmitteilung: "Seine Liebe zum Fußball war unermesslich, und seine Berichte werden allen Anhängern des Weltfußballs fehlen." Im Rahmen der WM wurde Grant Wahl noch ausgezeichnet für seine journalistischen Tätigkeiten rund um den Fußball – erhielt eine Auszeichnung von dem zweifachen brasilianischen Weltmeister Ronaldo.
Es war die achte Weltmeisterschaft, die Wahl als US-Journalist vor Ort begleitet hat. Sein letzter Tweet: "Was für ein unglaublich designtes Standardtor der Niederlande." Seine letzte Story: "Es kümmert sie einfach nicht. Die katarischen Organisatoren der Fußball-WM verbergen nicht einmal ihre Gleichgültigkeit gegenüber dem Tod von Gastarbeitern, einschließlich des jüngsten Todesfalls." Letzteres bezog sich auf einen tödlichen Unfall eines Gastarbeiters auf dem Trainingsareal des Nationalteams Saudiarabiens.
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