Regierung macht ernst

Dieses Land verbietet Kindern jetzt Facebook und Co.

Australien verbietet Social Media für Jugendliche unter 16 Jahren. Nun streiten Experten, ob das Verbot schützt oder neue Risiken schafft.
Newsdesk Heute
05.12.2025, 10:08
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Ob das Social-Media-Verbot in Australien Kinder wirklich schützt, darüber wird heftig gestritten. Eines ist aber klar: Für die Wissenschaftler bietet sich jetzt eine einmalige Chance, um besser zu verstehen, wie digitale Medien das Hirn von Jugendlichen beeinflussen. Schon kommenden Mittwoch tritt das erste Gesetz weltweit in Kraft, das Plattformen wie Tiktok, Instagram und Snapchat erst ab 16 Jahren erlaubt.

Die Befürworter sagen, dass es genug Studien gibt, die zeigen, dass Jugendliche zu viel Zeit im Internet verbringen und damit ihre psychische Gesundheit aufs Spiel setzen. Kritiker meinen aber, dass es nicht genug eindeutige Beweise gibt, um das neue australische Gesetz zu rechtfertigen. Sie warnen sogar, dass das Verbot mehr schaden als helfen könnte.

"Da sich die Technologie schnell weiterentwickelt, wird die Beweislage immer ungewiss bleiben", sagt die Psychologin Amy Orben von der Universität Cambridge, die erforscht, wie soziale Medien die geistige Gesundheit von Jugendlichen beeinflussen. Aber eine "riesige Menge" an Beobachtungsstudien habe einen Zusammenhang zwischen der Nutzung dieser Plattformen und einer schlechteren psychischen Gesundheit bei Jugendlichen gefunden.

Ganz so einfach ist es aber nicht, sagt Orben. Weil das Handy so fest zum Alltag gehört, ist es schwer, eindeutige Schlüsse zu ziehen. Vielleicht greifen viele Jugendliche ja gerade dann zu sozialen Netzwerken, wenn es ihnen ohnehin schon schlecht geht. "Was die Situation verändern könnte, sind experimentelle Studien oder natürliche Experimente. Daher ist die Auswertung des australischen Verbots enorm wichtig, weil es uns tatsächlich einen Einblick in die möglichen Auswirkungen gibt."

Laut einer Umfrage der WHO aus dem Vorjahr haben elf Prozent der Jugendlichen Probleme, ihre Social-Media-Nutzung im Griff zu behalten. Andere Studien zeigen einen Zusammenhang zwischen zu viel Zeit auf den Plattformen und Schlafproblemen, schlechtem Körpergefühl, schlechten Noten in der Schule und emotionalen Schwierigkeiten.

Eine Studie aus dem Jahr 2019, veröffentlicht in "JAMA Psychiatry", hat bei Schulkindern in den USA herausgefunden, dass jene, die täglich mehr als drei Stunden in sozialen Medien verbringen, ein höheres Risiko für psychische Probleme haben.

Manche Forscher fordern daher, schnell zu handeln. "Es ist eine Frage der Werte, nicht der Wissenschaft", sagt der australische Psychiater Christian Heim. "Es geht hier um Dinge wie Cyber-Mobbing, Suizidgefahr und den Zugang zu Websites über Magersucht oder Selbstverletzung."

"Wir können nicht warten, bis wir mehr Beweise haben", meint er. Besonders verweist er auf eine Studie des deutschen Psychologen Christian Montag aus 2018, die einen Zusammenhang zwischen einer Abhängigkeit vom chinesischen Nachrichtendienst WeChat und einer Abnahme der grauen Hirnsubstanz zeigt.

Der Psychologe Scott Griffiths von der Universität Melbourne glaubt nicht, dass es bald glasklare wissenschaftliche Beweise für die Gefahr durch Social Media geben wird. Trotzdem findet er das Verbot einen Versuch wert. Er hofft vor allem, dass das Gesetz "die großen Social-Media-Unternehmen endlich motiviert, die Gesundheit und das Wohlergehen junger Menschen sinnvoller zu schützen".

Hohe Zustimmung bei Erwachsenen

Mehr als drei Viertel der Erwachsenen in Australien unterstützen das neue Gesetz, so eine Umfrage. Trotzdem haben 140 Wissenschaftler und Experten einen offenen Brief unterschrieben, in dem sie das Verbot als "zu plumpes Instrument" kritisieren. "Die Leute sagen: 'Nun, die Kinder werden immer ängstlicher. Das muss einen Grund haben – verbieten wir doch einfach die sozialen Medien'", sagt einer der Unterzeichner, Axel Bruns, Professor für digitale Medien an der Queensland University of Technology.

Er meint aber, dass es viele Gründe für Ängste bei Jugendlichen gibt – etwa wegen der Pandemie oder wegen der Kriege in der Ukraine und im Gazastreifen. Ein Verbot könnte Jugendliche sogar auf Seiten mit noch extremeren Inhalten treiben und jungen Menschen aus Randgruppen die Chance nehmen, in einer Online-Community Unterstützung zu finden. Das Digital Freedom Project klagt gegen die Reform, die sie als "ungerechte" Einschränkung der freien Meinungsäußerung sehen.

Der australische Regierungschef Anthony Albanese lässt sich davon aber nicht abhalten. "Soziale Netzwerke schaden unseren Kindern", ist er überzeugt. "Deshalb sage ich: Es reicht."

{title && {title} } red, {title && {title} } Akt. 05.12.2025, 10:52, 05.12.2025, 10:08
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