140 Quadratmeter

"Auszeit-WG" – Systemsprenger bekommen eigenes Haus

Stadträtin Bettina Emmerling präsentierte die Pläne für die "Auszeit-WG" für strafunmündige Intensivtäter. Diese kommen in ein Haus in Simmering.
Christine Ziechert
16.04.2026, 17:31
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140 Quadratmeter Wohnfläche in einem Haus, 1.500 Quadratmeter Garten und je eine Ebene für einen Systemsprenger: Jugendstadträtin Bettina Emmerling (Neos), MA-11-Abteilungsleiter Johannes Köhler und SPÖ-Gemeinderätin Astrid Pany konkretisierten am Donnerstag die Pläne für die sogenannte "Auszeit-WG" für strafunmündige Intensivtäter.

Demnach werden ab Mai zwei Kinder im Alter von elf bis 13 Jahren jeweils sechs bis zwölf Wochen in dem Haus am Rande von Simmering untergebracht. Securitys oder Überwachungskameras wird es keine geben, aber: "Die Fenster und die Türen sind bruchsicher, das Personal vor Ort ist in Deeskalations- und Festhaltetechniken sowie Selbstverteidigung gut geschult. Zusätzlich haben sie auch Alarmknöpfe", erklärte der Abteilungsleiter der Kinder- und Jugendhilfe, Johannes Köhler.

Strikter Tagesablauf

Zwei bis drei Personen (Sozialpädagogen) sind rund um die Uhr als erfahrene Betreuer vor Ort, zusätzlich kümmern sich etwa Heilstättenlehrer, Freizeitpädagogen, Psychiater, Psycho- und Ergotherapeuten (meist per Zuschaltung) um die Kinder: "Es gibt dort einen sehr strikten Tagesablauf", so Köhler. Für die Umsetzung des Projekts ist der Verein "Neue Wege" zuständig.

Angedacht ist ein Stufenmodell: Stufe 1 beinhaltet die Anhaltung im Haus. Stufe 2 ermöglicht begleitete Ausgänge in den Garten und Stufe 3 selbstständige Ausgänge (in den Garten und evt. auch an andere Orte). Da der Gartenzaun niedrig ist, sei ein "Ausbruch" natürlich möglich, so Köhler: "Wenn ein Kind flüchtet, dann rufen wir die Polizei und es kommt wieder in die WG", erklärt Köhler.

Unterbringung nach Heimaufenthaltsgesetz

Aus einem Pool an fünf bis zehn möglichen "Kandidaten" mit extrem hohem Gefährdungspotenzial, die der MA 11 bereits gut bekannt sind, werden kurz vor Projektstart zwei Kinder von einer Kommission ausgewählt. Anschließend entscheidet ein Pflegschaftsrichter über die Maßnahmenprüfung – denn die Systemsprenger werden nach dem Heimaufenthaltsgesetz untergebracht.

Dafür müssen drei Voraussetzungen gegeben sein: eine psychische Erkrankung, Fremd- oder Selbstgefährdung und, dass kein schonenderes Mittel möglich ist. Nach einer Ressourcenkonferenz (u.a. mit den Eltern) wird dann das Kind in die "Auszeit-WG" gebracht.

(v.l.) MA-11-Abteilungsleiter Johannes Köhler, Stadträtin Bettina Emmerling (Neos) und SPÖ-Gemeinderätin Astrid Pany
Denise Auer

"Auszeit-WG" als letzte Konsequenz

Bei den Kindern handelt es sich um Intensivtäter mit teilweise hunderten Straftaten wie schwerer Raub und Kfz-Einbrüche: "Es kann nicht sein, dass 13-Jährige fast jede Woche andere Kinder mit einem Messer im Park bedrohen und ausrauben. Oder in Autos einbrechen und dann mit 100 km/h durch die Stadt rasen. Diese Kinder sind eine Gefahr für sich selbst und auch eine Gefahr für die Bevölkerung, Anrainer, Schulkollegen usw.", erklärte Stadträtin Emmerling.

Emmerling würde eine bundesweite einheitliche Gesetzeslösung sehr begrüßen – ein Arbeitskreis im Justizministerium beschäftigt sich gerade mit dem Thema: "Wir haben aber keine Zeit zu warten und wollten es auch nicht mehr. Für uns ist die 'Auszeit-WG' die schärfste und letzte Konsequenz, die Ultima Ratio sozusagen", so die Stadträtin und Vizebürgermeisterin.

800.000 Euro Gesamtkosten jährlich

Gemeinderätin Astrid Pany betonte die Notwendigkeit der "sanften Form der Anhaltung": "Es handelt sich hier um eine kleine Gruppe, an die wir nicht herankommen, die wir auf eine andere Art nicht erreichen können. Wenn wir diese Kinder in der Spirale aus Gewalt und Kriminalität belassen, dann schauen wir weg, dann ducken wir uns weg."

Innerhalb eines Jahres sollen in der "Auszeit-WG" acht bis 16 Intensivstraftäter betreut werden. Die Gesamtkosten – darunter für das Personal und das gepachtete Haus – belaufen sich jährlich auf rund 800.000 Euro.

Sechs bis zwölf Wochen Intensivbetreuung

Ob sechs bis zwölf Wochen Intensivbetreuung ausreichen werden, um die Systemsprenger dauerhaft auf einen neuen Weg zu bringen, bleibt abzuwarten. Auch, wenn die Kinder danach noch weiter betreut werden, bleibt die Gefahr groß, dass sie wieder in ihr altes Verhaltensmuster zurückfallen.

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