Ihr Leben auf der Überholspur blieb nicht ohne Folgen: Verena Titze schlitterte vor sechs Jahren nach einem anhaltend extremen Arbeitspensum, das sie mit Alkohol und Drogen auszugleichen versuchte, in eine Erschöpfungsdepression.
Ihren langen Weg raus aus der Sucht verarbeitete sie schon mit ihrem ersten Buch "Burnt.Out" und einem erfolgreichen Kabarettprogramm. Gemeinsam mit Psychiater Michael Musalek betreibt die 40-Jährige den Podcast "Musalek & Titze – Im Rausch des Lebens". Nun hat die Niederösterreicherin ihr zweites Buch zum Thema herausgebracht, in dem es jedoch nicht vordergründig um sie selbst geht. In "Gin Boom" erlebt ihre Romanheldin Helena den Absturz. "Sie trinkt nicht, um zu vergessen, sondern um zu funktionieren", so die Autorin.
Titze protokolliert in ihrem neuen Werk Zustände – vom Rausch über den Zusammenbruch bis zur Therapie und weiter. "Es ist keine Nacherzählung meiner Geschichte", betont sie. "Mich interessiert nicht das individuelle Schicksal, sondern das, was dahinterliegt: Strukturen, Erwartungen, Machtverhältnisse. Burnout und Abhängigkeit sind keine privaten Ausrutscher, sondern Symptome eines Systems, das permanentes Funktionieren verlangt."
Die Protagonistin des Buches ist – wie die Schriftstellerin selbst – erfolgreich, schlagfertig und sensibel. Nach ihrer Reha versucht sie, ihr Leben abseits alter Strategien und Gewohnheiten zu meistern. Und muss feststellen: Alkohol und Drogen sind überall, als soziale Schmiermittel, Belohnung und Flucht.
Die 40-Jährige hat in "Gin Boom" ganz bewusst auf eine Heilungserzählung oder ein Happy End verzichtet. "Es ist kein Roman über das 'Danach', sondern über Zustände. Über Ambivalenzen, Wiederholungen, Rückfälle – auch emotionale. Das Leben verläuft nicht in klaren Bögen."
Titze wünscht sich, dass ihr Buch "vielleicht ein anderes Verständnis von Freiheit" bei den Lesern erzeugt. Diese könnten sich noch mehr mitnehmen: "Die Frage, wie selbstbestimmt Entscheidungen wirklich sind, wenn Zugehörigkeit, Anerkennung und Sicherheit an Anpassung geknüpft sind. Und die Erkenntnis, dass Stärke oft mit Verlust einhergeht." Es ist "kein Buch über das Aufhören – sondern über das, was sichtbar wird, wenn man aufhört, sich zu betäuben."