Mit dem Welthit "Loser" wurde Beck in den 1990er-Jahren zum lässigen Aushängeschild einer ganzen Generation. Später zeigte er eine völlig andere Seite: Auf "Sea Change" aus dem Jahr 2002 und "Morning Phase" von 2014 verwandelte er Trennungsschmerz und Einsamkeit in ruhige, aufwendig arrangierte Songs.
Genau an diese beiden Karrierehöhepunkte knüpft der mittlerweile 56-Jährige mit "Ride Lonesome" an. Das am soeben erschienene Werk ist sein erstes Album mit komplett neuem Material seit "Hyperspace" aus dem Jahr 2019.
Für die Aufnahmen holte Beck mehrere langjährige Begleiter wieder ins Studio. Smokey Hormel, Joey Waronker, Justin Meldal-Johnsen, Roger Joseph Manning Jr. und Jason Falkner gehörten bereits zu seiner früheren Tour- und Studioband. Einige von ihnen waren schon an Alben wie "Sea Change", "Morning Phase" und "Mutations" beteiligt.
Aufgenommen wurde erneut im Room B der United Studios in Hollywood. Beck übernahm selbst die Produktion, für den Mix war Nigel Godrich verantwortlich. Der langjährige Radiohead-Produzent hatte bereits bei "Sea Change" und "Mutations" mit Beck zusammengearbeitet. Die Streicherarrangements stammen von Becks Vater David Campbell.
Die vertraute Besetzung bedeutet allerdings nicht, dass "Ride Lonesome" nur alte Ideen wiederholt. Vielmehr greift Beck auf eine über Jahrzehnte gewachsene musikalische Verbindung zurück, um seinen früheren Sound weiterzuentwickeln.
Inhaltlich dreht sich das Album stark um Verlust, Erinnerungen und das Verstreichen der Zeit. Nach dem Ende seiner langjährigen Ehe erscheint Beck dabei als einsamer Cowboy, der sich aufraffen und seinen Weg allein fortsetzen muss.
Dieses Bild spiegelt sich auch in der Musik wider. Akustische Gitarren, Pedal Steel, Mundharmonika und zurückhaltende Streicher schaffen eine Atmosphäre, die nach weiten Landschaften, leeren Straßen und langen Nächten klingt. Manche Passagen wirken wie der Abspann eines Films, in dem der Hauptdarsteller langsam dem Horizont entgegenzieht.
Schon der Titelsong gibt die Richtung vor. Eine sanft gespielte Akustikgitarre, Pedal Steel und Becks zurückgenommener Gesang (im Duett mit Sierra Ferrell) eröffnen die Platte. Musikalische Anspielungen auf Julie Londons "Cry Me A River" und Johnny Thunders’ "You Can’t Put Your Arms Around A Memory" stecken das emotionale Feld ab.
"Disappearing Act" setzt auf akustische Gitarren, dezente Orchestrierung und den beinahe schwebenden Gesang des Musikers. "Slow Canyon" fällt dagegen spartanischer aus und verbindet Country-Rock mit einem leicht psychedelischen Nachhall.
Auf "It Ends Right Here" trifft eine helle Melodie auf tiefe Traurigkeit. "Falling Through My Hands" erinnert mit seiner Mundharmonika und seiner zurückhaltenden Stimmung stellenweise an ein Schlaflied. Weitere Titel wie "Beyond The Light" führen den Gedanken des einsamen Weiterziehens fort.
Die erste Hälfte des Albums nimmt sich dabei viel Zeit. Die Songs sind getragen, das Tempo bleibt niedrig und der Schmerz wird ausführlich ausgebreitet. In der zweiten Hälfte öffnet sich die Platte stärker und entwickelt mehr musikalische Spannung.
"Ride Lonesome" ist weder ein radikaler Neustart noch eine bloße Wiederholung früherer Erfolge. Beck kehrt zu einem Klang zurück, der eng mit einigen seiner stärksten Arbeiten verbunden ist. Dieses Mal singt jedoch kein junger Musiker über seinen ersten großen Herzschmerz, sondern ein Mann Mitte 50, der auf vergangene Jahre blickt und trotzdem weiterreitet.