"Ich hatte schon oft blaue Flecken, als ich heimkam", erzählt eine Sonderschulpädagogin aus Wien-Meidling. "Ein Kind ist ausgerastet – und ich war allein." Drei Lehrerinnen sprechen offen über ihren Alltag in sogenannten Integrationsklassen mit "Heute". Dort lernen Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam – begleitet von speziell ausgebildeten Pädagogen.
Die drei Lehrerinnen betreuen Kinder mit starkem Förderbedarf: Autismus, Entwicklungsverzögerungen, nonverbale Kommunikation. Viele dieser Kinder brauchen viel Struktur, klare Rituale – und in emotionalen Ausnahmesituationen auch Rückzugsmöglichkeiten. Doch genau daran fehlt es.
Die Realität sieht oft so aus: Eine Lehrerin, neun Kinder mit völlig unterschiedlichen Bedürfnissen – manche können nicht sprechen, andere sind reizüberflutet und schlagen um sich. Immer wieder kommt es zu sogenannten Meltdowns – plötzlichen emotionalen Zusammenbrüchen, bei denen Kinder schreien, weinen, sich auf den Boden werfen, sich selbst oder andere verletzen. "Ich kann dann nur zusehen, hoffen, dass es aufhört – weil ich sonst niemanden habe, der übernimmt", sagt eine der Lehrerinnen.
Was viele nicht wissen: Autismus ist keine eindeutige Diagnose, sondern ein Spektrum. Manche Kinder mit Autismus sind hochintelligent, andere können kaum sprechen oder Reize verarbeiten. Was sie alle gemeinsam haben: Sie brauchen eine Umgebung, die auf ihre besonderen Bedürfnisse eingeht. Das kann bedeuten: mehr Ruhe, weniger Wechsel, klare Ankündigungen, spezielle Materialien oder einfach nur ein Rückzugsort, wenn alles zu viel wird.
Doch genau das können viele Wiener Schulen nicht bieten. In den Klassen der befragten Lehrerinnen gibt es keine zusätzlichen Räume, keine fixen Sonderpädagogen, oft nicht einmal ausreichend Personal. "Wir improvisieren jeden Tag – und hoffen, dass es nicht eskaliert", sagt eine Lehrerin.
Neben der emotionalen Belastung kommt die organisatorische: In einer Klasse sitzen Kinder mit ganz unterschiedlichem Förderbedarf. Manche folgen dem regulären Volksschullehrplan, andere dem Sonderschullehrplan, wieder andere haben einen individuellen Förderplan. Das bedeutet für die Lehrerinnen: drei parallele Unterrichtsformate – im selben Raum, zur selben Zeit.
"Ich erkläre gerade einem Kind, wie man richtig aufs Klo geht – und gleichzeitig fragt mich ein anderes nach der Hausübung. Ich muss Materialien für alle erstellen, alles vorbereiten, alles begleiten – allein." Eine der Lehrerinnen war im Vorjahr sogar über Monate hinweg für drei Klassen zuständig, weil Personal fehlte. "Das war keine Schule mehr – das war nur noch Krisenmanagement."
Die beschriebenen Vorfälle sind keine Ausnahmen. Es geht um Kinder, die in ihrer Not mit Wut oder Rückzug reagieren – und um Lehrerinnen, die ohne Unterstützung versuchen, das aufzufangen. "Ein Kind hat mir einen Sessel nachgeworfen", berichtet eine Pädagogin. "Ein anderes hat in den Mistkübel gepinkelt, weil es nicht wusste, wie man sich anders ausdrückt."
Es geht nicht darum, die Kinder an den Pranger zu stellen – das betonen die Lehrerinnen mehrfach. Sie sehen die Ursache woanders: in einem System, das die Inklusion zwar fordert, aber nicht mit den nötigen Mitteln ausstattet. "Wir brauchen spezielle Materialien, mehr Personal, Rückzugsräume, echte Unterstützung – nicht 300Euro Budget für Materialien im Jahr und ein Schulterklopfen."
Die Folgen tragen nicht nur die Kinder, sondern auch die Pädagoginnen. "Ich habe zwei Kinder zuhause – aber ich habe am Abend keine Kraft mehr für sie", sagt eine Lehrerin. Eine andere war beim Arzt: "Der sagt, ich bin im Burnout." Eine Dritte meint: "Fünf Jahre mache ich das noch – dann ist Schluss."
Trotz aller Überlastung versuchen sie, ihre Arbeit gut zu machen. Sie laminieren Bildkarten in der Freizeit, drucken Strukturpläne, organisieren Materialien – bezahlt aus eigener Tasche. Aber der Frust wächst. "Wenn man Integrationsklassen einführt, dann muss man sie auch ausstatten. Alles andere ist Augenwischerei – und zerstört Lehrer und Kinder gleichermaßen."
Was sie fordern, ist keine Revolution: verlässliches Personal, Rückzugsräume für Kinder in Krisen, ausreichendes Budget für Fördermaterial – und eine Politik, die versteht, dass Inklusion mehr braucht als schöne Worte in einem Bildungsprogramm.
"Wir sind keine Heldinnen. Wir machen einfach unseren Job. Aber wenn sich nichts ändert, wird ihn bald niemand mehr machen wollen."