"Unsere Existenz ist bedroht"

1.000 statt 3.000 Euro! Syrische Familie verzweifelt

Eine sechsköpfige, syrische Familie in Wien steht finanziell mit dem Rücken zur Wand – statt mit 3.000 Euro muss sie nun mit 1.285 Euro auskommen.
Newsdesk Heute
31.01.2026, 14:00
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Eine syrische Familie mit vier Kindern steht in Wien vor dem finanziellen Abgrund, nachdem die Stadt subsidiär Schutzberechtigte aus der Mindestsicherung gestrichen hat – nun reicht das Geld nicht einmal mehr für die Miete. Für Ahmad A., seine Frau und ihre vier Kinder bedeutet das einen massiven Einschnitt – und die Angst vor dem Verlust der Wohnung.

Der 56-jährige Syrer lebt seit drei Jahren mit seiner Familie in Österreich. Wenn er an die kommenden Wochen denkt, ist die Sorge groß. "Wir wollen nicht auf der Straße landen", sagt er gegenüber dem "profil". Die Familie verfügt über den Status des subsidiären Schutzes: Damit ist zwar der Zugang zum Arbeitsmarkt möglich, der Aufenthalt jedoch zeitlich befristet. Durch das Wiener Sparpaket ist ihre Zukunft nun ungewiss. Bereits im Herbst 2025 kündigte die Stadt an, dass diese Personengruppe ab 2026 keine Mindestsicherung mehr erhalten soll. Hilfsorganisationen wie Caritas und Diakonie warnten damals vor Delogierungen und Problemen bei der Integration.

In seiner Heimat hatte Ahmad A. ein gutes Leben. Mit Hilfe einer Caritas-Mitarbeiterin schildert er gegenüber dem Nachrichtenmagazin seine Geschichte: Er arbeitete als Anwalt und führte eine eigene Kanzlei, seine drei Söhne und seine Tochter wuchsen in stabilen Verhältnissen auf. Dann kam der Krieg. Das Militär des früheren Machthabers Baschar al-Assad zerstörte sowohl seinen Arbeitsplatz als auch das Wohnhaus der Familie. Zunächst flohen sie in den Norden Syriens, später in die Türkei.

"Nachricht hat uns erschüttert"

Besonders belastend war die Zeit im türkischen Flüchtlingslager für den heute 17-jährigen Sohn. Laut Ahmad A. wurde der Jugendliche aufgrund seiner stark ausgeprägten Autismus-Spektrum-Störung regelmäßig gemobbt. Auch die anderen Kinder – heute 13, 14, 17 und 19 Jahre alt – fühlten sich dort unsicher. Anschluss fand die Familie in dieser Phase nicht.

Zehn Jahre nach der Flucht entschlossen sich die Eltern, für ihre Kinder einen neuen Anfang zu wagen. Mit Schleppern und wenig Geld gelangten sie 2023 in unseren Donauraum. Als sie erfuhren, dass es in Wien – anders als in Niederösterreich – Anspruch auf Mindestsicherung gibt, übersiedelten sie vor rund einem Jahr in die Bundeshauptstadt. Dort erhielt die Familie monatlich etwa 3.200 Euro, davon rund 1.900 Euro aus der Mindestsicherung, zusätzlich Mietbeihilfe und Kindergeld.

Im November beschloss der Wiener Landtag schließlich die Rückkehr subsidiär Schutzberechtigter in die Grundversorgung. Kurz darauf erhielt auch Familie A. ein Schreiben. Statt rund 3.000 Euro stehen ihr nun exakt 1.285 Euro im Monat zur Verfügung. "Ich habe im Dezember auf mein Geld gewartet, aber es kam nichts. Die plötzliche Nachricht hat uns erschüttert. Wir hoffen, dass die Regierung für Fälle wie uns eine Ausnahme macht", sagt Ahmad A. dem "profil".

Nach Angaben der Magistratsabteilung 40 bezogen im Dezember 2025 rund 137.000 Menschen in Wien Mindestsicherung, etwa 9.500 davon waren subsidiär Schutzberechtigte. Für Alleinstehende liegt die Leistung bei rund 1.200 Euro monatlich, inklusive weiterer Sozialleistungen. Die Grundversorgung umfasst zwar ebenfalls Leistungen wie Krankenversicherung, liegt mit rund 400 Euro pro Person jedoch deutlich darunter.

Wien dreht Geldhahn zu

Mit den Kürzungen will Wien sparen: Rund 200 Millionen Euro sollen durch die Reform der Mindestsicherung weniger ausgegeben werden. Für Familie A. hat das drastische Folgen. In ihrer 94-Quadratmeter-Wohnung in Wien-Simmering teilen sich sechs Personen drei Schlafzimmer. Die monatliche Miete beträgt 1.106 Euro, Strom- und Energiekosten kommen noch hinzu. "Wir sind auf der Suche nach einer neuen Wohnung, die Miete können wir uns mit der Grundversorgung alleine nicht leisten", sagt Ahmad A. gegenüber dem Magazin.

Bereits im Dezember bat er seinen Vermieter, die Jänner-Miete aufzuschieben. Ob er im Februar doppelt zahlen kann, ist fraglich. Hilfe aus dem Freundeskreis gibt es kaum, Platz oder Geld für eine sechsköpfige Familie fehlt. Gemeinsam mit der Caritas sucht Ahmad A. nun nach einer günstigeren Unterkunft. Doch ein Problem bleibt: Erst nach Kündigung der Wohnung besteht Anspruch auf einen Platz in einem Grundversorgungsquartier.

Im Video: Ex-Kanzler Kurz zu Mindestsicherung

Derzeit leben rund 8.000 subsidiär Schutzberechtigte in Wien in privaten Unterkünften. Bei Bezug der Grundversorgung können sie in organisierte Quartiere übersiedeln. Der Fonds Soziales Wien führt 65 Unterkünfte an 44 Standorten, etwa 4.400 Menschen sind dort aktuell untergebracht.

Weil die Zahl der Asylanträge zuletzt zurückging, wurden Quartiersplätze reduziert. Caritas-Experte David Preukschat-Himler warnt im "profil" vor Engpässen: "Die ersten wurden bereits den Quartieren zugewiesen, doch die Plätze sind begrenzt. Ein Aufstocken wird nötig sein. Was man sich hier also letztlich spart, sei dahingestellt." Auch er rechnet mit zusätzlichen Kosten und steht bereits mit anderen Organisationen in Kontakt, um neue Unterbringungsmöglichkeiten zu schaffen. Von Seiten der Stadt heißt es im "profil" hingegen: "Personen, die einen Platz in einer Grundversorgungseinrichtung benötigen, werden einen bekommen. Wir sehen keine erhöhte Obdachlosigkeit unter Menschen in der Grundversorgung, und erwarten das auch bei den subsidiär Schutzberechtigten nicht."

"Wohnen ist ein Grundbedürfnis"

Für Familie A. wäre ein Quartier nur die letzte Option. Besonders für den 17-jährigen Sohn wäre das Leben mit fremden Menschen schwierig. "Mein Junge braucht intensive Betreuung und die Möglichkeit, sich zurückzuziehen, das wird in einem Quartier schwer möglich sein", sagt der Vater im Nachrichtenmagazin. Der Jugendliche habe Probleme mit Selbstregulation. "Es ist für meinen Sohn kaum möglich, eigenständig Tätigkeiten auszuführen, weil er aufgrund seiner Erkrankung Situationen nicht einschätzen kann. Beim Einkaufen zum Beispiel würde er das Geld für Schokolade ausgeben, statt für Brot."

Während Ahmad A. spricht, sind seine Frau und der Sohn in einem Spital. Der 17-Jährige muss operiert werden, Ärzte haben Auffälligkeiten am Ohr festgestellt – worum es sich handelt, ist noch unklar.

Für Integrationsexpertin Judith Kohlenberger ist die Wohnsituation zentral: "Wohnen ist ein Grundbedürfnis, davon hängt auch die soziale Integration ab. Hat man keine Ruhe, bringt das Schwierigkeiten beim Lernen", sagt sie im "profil". Auch der Zugang zum Arbeitsmarkt leide darunter. "Die Entscheidung, ob man lieber im Deutschkurs sitzt oder einem Job nachgeht, fällt meistens auf Letzteres", sagt sie. Die Folge seien kurzfristige, gering qualifizierte Jobs.

Ahmad A. selbst spricht nur wenig Deutsch, trotz AMS-Kurs. Seine Kinder hingegen seien sprachlich gut integriert. "Sie lernten immer schon fleißig, können die Sprache mittlerweile fließend sprechen", erzählt er. Besonders stolz ist er auf seine 19-jährige Tochter. Seine eigene juristische Ausbildung könnte nur mit Sprachnachweis anerkannt werden, gesundheitliche Probleme machen eine Berufstätigkeit für ihn und seine Frau aber unmöglich. Die Caritas bestätigt das.

"Existenz ernsthaft bedroht"

Um seine Lage zu verarbeiten, schrieb Ahmad A. für "profil" einen Brief. Darin heißt es: "Meine Familie und ich stehen an einem Punkt, an dem unsere Existenz ernsthaft bedroht sind. Die plötzliche und vollständige Einstellung dieser Unterstützung (Anm. Mindestsicherung) ohne Berücksichtigung unserer besonderen Umstände hat uns in eine akute humanitäre Krise gestürzt." Der Alltag besteht derzeit aus Schulwegen, Arztbesuchen und Terminen bei Hilfsorganisationen.

Wie es weitergeht, ist offen. Der Aufenthaltsstatus der Familie läuft im Oktober aus. Bis dahin borgt sich Ahmad A. Geld von Freunden, auch seine Schwester in Deutschland hilft. Seine Hoffnung richtet sich an Österreich. "Österreich ist ein Land, das für Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit steht. Ich vertraue zutiefst darauf, dass diese Werte auch in meinem Fall gelten und dass meine Familie nicht im Stich gelassen wird", sagt der Familienvater im "profil".

{title && {title} } red, {title && {title} } Akt. 31.01.2026, 15:33, 31.01.2026, 14:00
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