Christine hebt ab, hört zu und bleibt ruhig. Sie ist Sozialpädagogin und Beraterin bei der Notrufnummer 147 von Rat auf Draht. Gerade in der Weihnachtszeit klingelt ihr Telefon besonders oft.
"Viele junge Menschen melden sich, weil sie sich einsam fühlen, weil der Feiertagsstress zu Streit führt oder weil endlich Zeit bleibt, über Sorgen zu sprechen", sagt sie. Wie viele Gespräche es genau sind, schwankt – doch eines ist klar: Der Bedarf steigt. "Gerade in dieser Zeit ist es wichtig, da zu sein – niemand sollte sich zu Weihnachten allein fühlen."
Diese Beobachtung bestätigt auch die Statistik. Einsamkeit unter jungen Menschen nimmt massiv zu. Von Jänner bis November 2025 verzeichnete Rat auf Draht 37,4 Prozent mehr Beratungen zum Thema Einsamkeit als im Vorjahr.
202 Gespräche drehten sich heuer allein um dieses belastende Gefühl. Besonders betroffen sind Jugendliche und junge Erwachsene: Rund 42 Prozent der Anrufe kamen von 16- bis 18-Jährigen, weitere 43 Prozent von 19- bis 24-Jährigen. Insgesamt führt Rat auf Draht rund 150 Beratungsgespräche pro Tag.
"Einsamkeit ist ein sehr subjektives und persönliches Phänomen. Es ist das unangenehme, schmerzhafte Empfinden, keine oder unzureichende soziale Verbindungen und Beziehungen zu haben. Auch, wenn man von Menschen umgeben ist", erklärt Birgit Satke, Leiterin des Beratungsteams von Rat auf Draht. Schule, Ausbildung und gesellschaftliche Erwartungen setzen viele junge Menschen unter Druck. Fühlt man sich dabei nicht gesehen oder verstanden, entsteht Isolation.
Veränderte Familienstrukturen, beruflich stark eingespannte Eltern, Patchwork- oder Alleinerziehenden-Haushalte tragen ebenfalls dazu bei. Hinzu kommen die Nachwirkungen der Corona-Pandemie, die soziale Kontakte langfristig ausgedünnt hat.
Social Media, Messenger und Smartphones sind allgegenwärtig. Doch sie ersetzen keine echten Beziehungen. "Online-Interaktionen bleiben oft oberflächlich", sagt Satke. Vergleiche, Cybermobbing oder das Gefühl, ausgeschlossen zu sein, verstärken Einsamkeit zusätzlich.
Manche Jugendliche suchen sogar Trost bei künstlicher Intelligenz – chatten mit Programmen, die immer verfügbar sind und nicht urteilen. "Das große Risiko dabei ist, dass zwischenmenschliche Beziehungen vernachlässigt werden und Einsamkeit und soziale Isolation dadurch verstärkt werden", warnt die Expertin.
Ausgerechnet die Zeit rund um Weihnachten wird für viele zur emotionalen Belastung. "In dieser Zeit wird besonders viel Wert auf Zusammenhalt, Geborgenheit und gemeinsame Aktivitäten gelegt. Für viele Kinder und Jugendliche kann diese Erwartungshaltung belastend sein, insbesondere, wenn ihre Realität davon abweicht", erklärt Satke.
Um Beratungen und Notrufgespräche weiterhin anbieten zu können, ist "Rat auf Draht" auf Spenden angewiesen.
Infos hier: www.rataufdraht.club
Bei Rat auf Draht versucht man, Wege aus der Einsamkeit zu finden. Gemeinsam mit den Anrufer:innen werden Ursachen gesucht und erste Schritte aufgezeigt. Hält das Gefühl lange an, wird auch zu professioneller Hilfe geraten.