Fisch und Knoblauch

Darum konnte die Familie Gift-Geruch nicht einordnen

Nach dem Tod der Hamburger Familie in Istanbul konzentrieren sich die Ermittlungen nun voll auf Pestizide. Ein Mittel steht im Fokus.
20 Minuten
19.11.2025, 21:12
Loading...
Angemeldet als Hier findest du deine letzten Kommentare
Alle Kommentare
Meine Kommentare
Sortieren nach:

Kommentare neu laden
Nach oben
Hör dir den Artikel an:
00:00 / 02:45
1X
BotTalk

Was tötete die deutsch-türkische Familie in Istanbul? Tippten die türkischen Ermittler zunächst auf eine Lebensmittelvergiftung, stehen jetzt alle Zeichen auf Pestizidvergiftung. Als wahrscheinlichster Auslöser gilt derzeit Aluminiumphosphid.

"Gewissheit wird es erst geben, wenn die Ergebnisse der Gaschromatographie vorliegen", erklärte Cihan Çelik gegenüber "Tagesschau 24". "Toxikologische Bluttests reichen dafür nicht aus." Der Lungenfacharzt vom Klinikum Darmstadt hat den vorläufigen Bericht der türkischen Behörden gelesen und ausgewertet.

Wieso gilt Aluminiumphosphid als Hauptverdächtiger?

Für Aluminiumphosphid sprechen gleich mehrere Punkte: Neben den Symptomen sind es auch der rasante Verlauf (siehe Box) und die Tatsache, dass "dieselbe Firma, die jetzt im Hotel der Familie die Pestizide ausbrachte, vor einigen Monaten auch in einer Koranschule mit Aluminiumphosphid gearbeitet hat", so Çelik. Auch damals seien Personen vergiftet worden. Die hätten aber anders als die Familie überlebt.

So entfaltet Aluminiumphosphid seine tödliche Wirkung:

Trifft das Aluminiumphosphid auf Feuchtigkeit, setzt sich ein lebensgefährlicher Prozess in Gang: "Im feuchten Milieu des Körpers – im Magen oder in den Atemwegen – reagiert es zum Phosphorwasserstoff", erklärt Çelik. Dieser werde dann resorbiert und zerstöre überall im Körper die Zellen. "Schon nach einer kurzen Exposition führt das zu einer Kaskade, die am Ende zu einem Multiorganversagen führt."

Je nach Konzentration des Zellgifts reichten dafür fünf bis 20 Minuten. "Es fängt unspezifisch an, mit Symptomen wie Übelkeit, Erbrechen, Kopfschmerzen", so Çelik. Wenn dann eine kreislauf-unterstützende Therapie wie eine Infusion gegeben werde, könne sich der Zustand kurzzeitig bessern. Das sei auch bei den verstorbenen Familienmitgliedern der Fall gewesen. Doch der Schein der Besserung trügt: "Die Kaskade läuft trotzdem weiter und führt zu den ganz schweren Schädigungen an Organen und schliesslich dem Tod."

Unverdächtiger, aber deutlicher Geruch

Laut Çelik ahnte die Familie die Gefahr nicht: "Das Aluminiumphosphid riecht nicht chemisch, eher nach Knoblauch oder Fisch." Ein Geruch, der in einem touristischen Gebiet in der Türkei nur wenig stutzig machen dürfte. Der verräterische Geruch komme nicht von der Chemikalie selbst, sondern vom Phosphorwasserstoff. Denn auch Luftfeuchtigkeit reicht, um diesen entstehen zu lassen.

Darum tippten die Ermittler zunächst auf eine Lebensmittelvergiftung

Dass die Ermittlungen nach dem Tod der Mutter und der beiden Kinder zunächst in Richtung Lebensmittelvergiftung gingen, verwundert viele 20-Minuten-Leserinnen und -Leser und beunruhigt laut Medienberichten die Menschen in Istanbul. Auch dazu liefert der vorläufige Bericht eine Erklärung: Als die Familie am Mittwoch erstmals das Spital aufsuchte, gaben sie an, sich wahrscheinlich den Magen verdorben zu haben, so Çelik. Das sei für sie und auch die Mediziner naheliegend gewesen: "Die Familie hat viel draußen gegessen und die Symptome passten auch dazu."

Erst als alle vier Familienmitglieder trotz des unterschiedlichen Alters "gleichsam einen schwersten Verlauf" hatten, kamen Fragen an der Theorie auf. "Denn das passt nicht zu einer Lebensmittelvergiftung." Als dann auch noch andere Hotelgäste Symptome zeigten, richtete sich die Aufmerksamkeit auf das Hotel selbst.

Rettung der Familie war nicht möglich

Ein Gegenmittel gegen Aluminiumphosphid und Phosphorwasserstoff gibt es nicht. "Man kann nur die Symptome behandeln: intubieren und die Personen in ein künstliches Koma versetzen." Das sei bei der Familie passiert. Aber die Gift-Konzentration, der die vier Personen ausgesetzt waren, "war einfach zu hoch."

{title && {title} } 20 Minuten, {title && {title} } Akt. 19.11.2025, 21:15, 19.11.2025, 21:12
Weitere Storys
Jetzt E-Paper lesen