Vor den Augen der Forschungstaucher hat sich eine wirklich eigenartige Szene abgespielt: Delfine haben sich in einer Reihe aufgestellt, um sich nacheinander an bestimmten Korallen und Schwämmen zu reiben.
Dieses Verhalten der indopazifischen Großen Tümmler vor der Küste von Ägypten ist erstmals 2009 der Wildtierbiologin Angela Ziltener von der Universität Zürich aufgefallen. Zwei Jahre später hat sie die Organisation Dolphin Watch Alliance gegründet. Diese Organisation setzt sich neben wissenschaftlichen Studien auch für den Schutz der Meeressäuger ein und betreibt Aufklärungskampagnen.
Die Forscherin hat sich über viele Jahre hinweg mit unzähligen Tauchgängen das Vertrauen der Tiere erarbeitet. "Es braucht Zeit, um mit Delfinen so tauchen zu können, dass Beobachtungen aus nächster Nähe möglich sind", sagt Ziltener.
Schlussendlich ist es gelungen, jene Korallen und Schwämme zu bestimmen, die von den Delfinen immer wieder gezielt aufgesucht werden. Das Team hat herausgefunden, dass winzige Polypen an den Korallen und Schwämmen Schleim absondern, sobald sich die Delfine daran reiben.
Diese Flüssigkeit wurde von der Chemikerin und Lebensmittelwissenschaftlerin Gertrud Morlock von der deutschen Universität Gießen genau untersucht – mit überraschendem Ergebnis: Sie hat darin 17 verschiedene biologisch aktive Stoffe mit antimikrobiellen, antioxidativen, hormonellen und sogar toxischen Eigenschaften entdeckt. "Wir vermuten, dass die Delfine die Korallen und Schwämme nutzen, um die Haut prophylaktisch zu versorgen, oder vorhandene Irritationen mit den darin befindlichen günstigen Substanzen zu heilen und zu lindern", erklärt Morlock.
Dass diese Substanzen tatsächlich zur Heilung beitragen, konnten die Wissenschaftler bisher noch nicht beweisen. Es liegt aber nahe, dass die Delfine den Schleim verwenden, um das Mikrobiom ihrer Haut zu regulieren, Infektionen zu behandeln oder vorbeugend zu schützen.
Angela Ziltener hat durch weitere Beobachtungen festgestellt, dass dieses besondere Verhalten der Delfine nicht angeboren, sondern erlernt ist. Die Meeressäuger bilden mehr oder weniger lockere Gruppen und entwickeln enge Bindungen – vor allem Mütter zu ihren Jungen. Bei ihren Tauchgängen trifft die Forscherin auf Gruppen mit manchmal vier, dann wieder acht oder sogar zwölf Tieren.
In Gruppen mit mehreren Weibchen schwimmen die Jungen immer ganz nah bei ihrer Mutter und schauen genau zu, zum Beispiel wenn sie sich an den Korallen reibt. Ziltener hat herausgefunden, dass die Jungen erst ab eineinhalb Jahren selbst anfangen, diese "Wellnesstherapie" auszuprobieren.
Bis jetzt ist das Korallenreiben nur bei Delfinen im Roten Meer beobachtet worden. Es schaut also ganz danach aus, dass die Tiere dort eine eigene Kultur der Körperpflege entwickelt haben.