Die Wahrheit über Thiems Handgelenk-Fluch

Thiem und sein Handgelenk: "Was soll ich machen? Es ist traurig."
Thiem und sein Handgelenk: "Was soll ich machen? Es ist traurig."PD, Screenshot
Tennis-Ass Dominic Thiem ist nicht konkurrenzfähig. Seine Vorhand ist nach dem Comeback Problemzone statt Waffe. "Heute" begab sich auf Spurensuche. 

"Was soll ich machen? Es ist so traurig", schrie Dominic Thiem in den Madrider Abendhimmel. Er blickte irritiert auf sein rechtes Handgelenk. Wieder einmal landete eine Vorhand im Erstrunden-Match beim Masters-1000-Turnier gegen Andy Murray meterweit im Aus.

Politik-Experte Peter Filzmaier sollte eine halbe Stunde nach Thiems Schreieinlage auf Twitter trocken festhalten: "Thiem verliert gegen Murray in zwei. Sang- und klanglos 3:6, 4:6. Vorhand Bezirksliga."

Vorhand Bezirksliga?

24 unerzwungene Fehler machte Thiem mit seinem ehemaligen Paradeschlag. 13 in Satz eins, elf in Satz zwei. Einige Bälle verfehlten das Ziel nicht knapp, sondern um Meter. Andere wieder landeten in der unteren Hälfte des Netzes. Thiem schmerzte die vierte Pleite im vierten Spiel beim Comeback. Seine Vorhand tat nach 280 Tagen Auszeit viel zu oft das, was sie nicht soll.

Obwohl Bezirksliga zwei, drei Schubladen zu tief gegriffen ist, scheint klar: So ist der US-Open-Sieger nicht konkurrenzfähig.

"Ich hatte ein paar sehr erfolgreiche und vor allem lehrhafte Tage in Madrid. Ich bin und bleibe positiv“, schrieb Thiem nach der siebenten Auftaktniederlage in Serie bei einem Turnier an seine 1,4 Millionen Follower auf Instagram. Von seiner Wiener Social-Media-Agentur war jeder Satz positiv ausformuliert. Der Schlusssatz: "Ich wertschätze jeden einzelnen von euch!"

Keine Spur mehr von "Was soll ich machen?" oder "Es ist so traurig". Die Vorhand kam mit keinem Wort vor.

Die Vorhand ist es aber, die viele Tennis-Fans im Land rätseln und manche auch zweifeln lässt. 

Thiem prügelte sich mit diesem Schlag in die Herzen der Fans, zum Grand-Slam-Sieg in New York und bis auf Platz drei der Tennis-Weltrangliste. Der heftige Spin und das hohe Tempo waren seine effizientesten Waffen im Kampf um den Tennis-Thron. Eingedrillt von Mentor Günter Bresnik in der Südstadt mit diesem markant hohen Ellbogen-Ausschwung baute darauf über viele Jahre Thiems Matchplan auf. Mit der Vorhand, weniger mit der ästhetischen Rückhand, nahm Thiem seinen Gegnern systematisch Zeit und Luft.

Handbremse gelöst, Problem nicht

Nach der Handgelenksverletzung ist alles anders. Der zweifache Paris-Finalist Thiem konnte Murray mit der Vorhand nicht wehtun. Und der Schotte ist kein Sandplatz-King. Erstmals spielte er mit seiner Gummihüfte auf Sand, prompt gewann er das erste Match auf diesem Belag seit 2017. 

Das Vorhand-Problem

Thiem spielt die Vorhand unter starkem Einsatz seines Handgelenks. Bei der Klappbewegung, die beim Treffpunkt dem Ball Tempo und Spin verleihen, riss zwei Mal die Sehnenscheide ein und die dazugehörige Kapsel wurde verletzt. "Das Schwierigste ist, das aus dem Kopf zu bekommen. Die Bewegung, wo es passiert ist. Ich habe eine Handbremse im Kopf", gab Thiem vor einem geplatzten Comeback zu.

Diese "Handbremse" hätte er gelöst, sagt er. Die Mobilität in der Schlaghand ist aber immer noch eingeschränkt. Bei der Vorhand hat der Gewinner von 17 ATP-Turnieren deshalb Probleme unter den Ball zu kommen. In Madrid gegen Murray schlug er seine Vorhand-Schläge im Schnitt mit 10 Prozent weniger Spin als 2021 beim selben Turnier – 44 statt 50 Umdrehungen des Balles pro Sekunde. 

"Ich kann mich nicht mit Talent rüberretten. Weltspitze nur, wenn ich 100 % reinhau"

Eine Technik-Änderung steckt laut seinem Team nicht dahinter. "Ich kann mich nicht mit Talent oder Aufschlag rüberretten. Ich kann nur in der Weltspitze mitmachen, wenn ich 100 Prozent reinhau“, sagt Thiem, der die Vorhand trotz hoher Fehlerquote auch jetzt durchzieht. 

Thiems Problem: Die Stellung des Handgelenks ändert sich oft kurz vor dem Schlag um Millimeter – ohne dass er das will. Thiem hat bei Fehlschlägen das Gefühl, alles richtig zu machen. Doch das Handgelenk gibt den Schlag einen Tick zu früh oder zu spät frei. Die Folge: Der Ball verfehlt sein Ziel. Eine winzige Narbe an der lange lädierten Sehnenscheide könnte nach "Heute"-Infos beim Problem eine Rolle spielen.

"Das Gefühl für den Schlag wird mit der Zeit kommen"

Panik herrscht deshalb nicht im Team Thiem. Das Problem ist bekannt. "Das Gefühl für den Schlag wird mit der Zeit kommen", so der Tenor.

Das Problem ist auch nicht neu. Thiem trug nach der erlittenen Verletzung auf Mallorca im Herbst 2021 sechs Wochen eine Plastikschiene, um eine OP zu vermeiden. Frederik Verstreken, sein behandelnder Arzt in Antwerpen, riet ihm dazu. Die Idee: Heilung durch Ruhe. Es war die Zeit, als sich Thiem von Vertrauensperson und Physio Alex Stober trennte.  "Heute" berichtete über alle Veränderungen im Team Thiem (Management, Physio, Fitness) vorab.

Als Thiem die Schiene abnahm, war sein Handgelenk steif. Das schockierte auch seinen Therapeuten Ansgar Sanning, der sonst Musiker nach schweren Handverletzungen hilft. "Es gab wenig Mobilität", meinte er und tat alles dafür, damit sein Patient wieder groß aufspielen konnte.    

Das Projekt war und ist heikel. Thiem sagte vier Comebacks in drei Monaten ab. Vor dem Flug nach Abu Dhabi im Dezember 2021 machte er einen Handgelenk-Scan. "Von ärztlicher Seite ist alles abgeschlossen. Es ist stabiler als zuvor. Es wird Klick im Kopf machen und alles ist gut", sagte er. 

Klick machte es bis heute nicht.

Der Rat von Murray

"Es gab Punkte, die er normalerweise machen würde", merkte Andy Murray nach dem Match in Madrid an. Der Schotte hatte mit 20 eine ähnliche Handgelenksverletzung. "Das war hart." Bei Dominic dürfte es laut Murray noch schwieriger sein. "Er spielt mit starkem Topspin. Ich hoffe, dass es eine Art mentale Sache ist und nichts, das ihm Schmerzen oder unangenehme Gefühle bereitet." Sein Rat: "Mach so weiter. Es dauert seine Zeit, aber es wird wieder."

Dominic Thiem fällt nach dem Aus in Madrid aus den Top 100 – erstmals seit 2014. Am Montag wird  er  in der Weltrangliste rund um Rang 160 liegen. In Rom und Paris ist er nicht gesetzt. Siegt er auch den nächsten Wochen nicht, droht der Fall aus den Top 300. Durch seine Erfolge wird Thiem mit Wildcards aber bei großen Turnieren spielen können. 
Dominic Thiem fällt nach dem Aus in Madrid aus den Top 100 – erstmals seit 2014. Am Montag wird er in der Weltrangliste rund um Rang 160 liegen. In Rom und Paris ist er nicht gesetzt. Siegt er auch den nächsten Wochen nicht, droht der Fall aus den Top 300. Durch seine Erfolge wird Thiem mit Wildcards aber bei großen Turnieren spielen können. PD

Thiem freute sich über die aufbauenden Worte eines großen Wettkämpfers. Der Niederösterreicher trainierte am Tag nach der Niederlage in Madrid. Dann geht es nach Rom weiter, um "dort wieder zu trainieren". Seinem Plan bleibt er treu: "Ich muss schauen, dass ich viele Stunden auf dem Platz verbringe. Das ist das Wichtigste."

Rom ist für Thiem ein besonderer Ort. Dort gewann er sein letztes Tennisspiel. Vor 358 Tagen. Dank der Vorhand. 

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