Eine Mega-OP machte diesen Mann furchtlos

Wenig Gewebe mit großer Wirkung: Die Amygdala.
Wenig Gewebe mit großer Wirkung: Die Amygdala.Getty Images/iStockphoto
Dem Amerikaner Jody Smith wurde die Amygdala operativ entfernt. Seither lebt er ein Leben ohne jegliche Angstgefühle. Warum und wie das so ist.

Als der US-Amerikaner Jody Smith 26 Jahre alt war, wurde bei ihm Epilepsie diagnostiziert. Bis zu dreimal täglich suchten ihn - ohne Vorwarnung - kurze, aber sehr emotionale Gefühlsausbrüche heim, die ihn denken ließen, dass gleich etwas Schlimmes passieren würde. 

Zunächst war nicht klar, dass es sich dabei um epileptische Anfälle handelte, denn meist waren die Anfälle nur lästig. Einige waren allerdings schlimmer als andere. "Eine Operation war die einzige Option, um zu verhindern, dass die Anfälle immer schlimmer werden, meinem Hirn schaden und mich möglicherweise sogar umbringen", sagt Smith dem Online-Magazin "Vice". Er hatte zwei Jahre lang probiert, die Erkrankung mit verschiedenen Medikamenten zu behandeln - erfolglos. 

Mega-OP: Entfernung von drei Hirnteilen

Die Chirurgen entfernten die vordere Hälfte des rechten Temporallappens, die rechte Amygdala und den rechten Hippocampus. Bereits drei Tage nach dieser Mega-OP durfte Smith das Krankenhaus wieder verlassen. Und bereits da merkte er, dass er sich verändert hatte. Erst nach und nach wurde ihm bewusst, in welchem Ausmaß der Eingriff seine Angstreaktion neu geschalten hatte.

Die Amygdala (auch "Mandelkern" genannt),  spielt als Teil des limbischen Systems vor allem bei der Entstehung, Wiedererkennung und körperlichen Reaktion von Angst eine Rolle. Das limbische System ist eine Funktionseinheit des Gehirns, die der Verarbeitung von Emotionen und der Entstehung von Triebverhalten dient.

Die wesentliche Funktion der Amygdala  besteht in der Bewertung von Gedächtnisfunktionen wie Erinnerungen mit emotionalen Inhalten. Besonders in der Entstehung der Angst spielt der Mandelkern eine wichtige Rolle:

Wenn eine Situation aus der Erfahrung heraus als bedrohlich oder gefährlich eingestuft wird, ändern sich die Informationen, die von der Amygdala an andere Hirnbereiche weitergegeben werden. Dadurch werden zum Beispiel vermehrt Nervenbotenstoffe sowie die Stresshormone Adrenalin und Cortisol ausgeschüttet. Das signalisiert dem Körper eine potentielle Gefahr. Diese Signale werden dann durch die Amygdala mit Erinnerungen abgeglichen. Wenn dieser Abgleich „Gefahr“ signalisiert, entsteht Angst und der Körper reagiert mit vermehrter Achtsamkeit und vielleicht auch mit Fluchtreaktionen.

Auch epileptische Anfälle beginnen manchmal in der Amygdala.

Furchtlos durchs neue Leben

Er hatte keine Angst mehr, als fünf Männer ihn auf den Straßen New Yorks - wo er lebt - ausrauben wollten. Ebenso als er schmerzhaft von einer Spinne gebissen wurde, überkam ihn kein ungutes Gefühl. Smith experimentierte mit seiner neuen Eigenschaft. "Als leidenschaftlicher Wanderer bin ich oft auf Klippen unterwegs. Und das Angstgefühl dort oben war definitiv anders. Jetzt lief ich absichtlich auf das Klippen-Ende zu, um herauszufinden, wie mein Instinkt reagiert, aber das grundlegende Angstgefühl war nicht mehr da."

Logische Folge der OP

Mit dieser einschneidenden Veränderung hatte Smith nicht gerechnet, sind aber die logische Folge der OP. "Wenn die komplette rechte Amygdala fehlt, kann das dazu führen, dass die betroffene Person keine Angst mehr verspürt – selbst wenn sie sensorische Informationen geliefert bekommt, die normalerweise Angst auslösen würden", sagt Sanne van Rooij, eine Dozentin in Psychologie und Verhaltenswissenschaften an der Emory University.

"Die Gehirnchirurgen haben einen wichtigen Dominostein aus der Sequenz entfernt. So könnte ein Spaziergang am Rand einer Klippe nicht mehr die Kettenreaktion im Gehirn triggern, die zu Angst führt. Die sensorischen Informationen werden weiterhin zum Temporallappen gesendet, aber der Teil der Amygdala fehlt, der normalerweise den Alarm auslöst. Der Adrenalinschub bleibt aus."

Überlebensfunktion der Amygdala heute nicht mehr essentiell

"Früher galten angstauslösende Reize immer als essenziell fürs Überleben, aber in der heutigen Gesellschaft ist das Ganze nicht mehr so wichtig, da wir die meisten Bedrohungen bereits kennen oder beigebracht bekommen", sagt van Rooij. 

Auch Smith geht es so. Seine Angst vor dem Tod ist zwar weg, aber er kann immer noch Gefahren erkennen – indem er Situationen bewusst wahrnimmt und analysiert. Er nennt das seine "logischere Version" von Angst. Smith ist sogar vorsichtiger geworden, seit er mehr über potenzielle Gefahren nachdenkt.

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