Studie deckt auf

Digitale Gewalt – die Gefahr aus dem eigenen Wohnzimmer

Passwörter teilen, Geräte gemeinsam nutzen: Was praktisch wirkt, kann gefährlich werden. Eine Studie wirft einen neuen Blick auf IT-Sicherheit daheim.
Rene Findenig
17.03.2026, 21:19
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Du denkst bei Cyberangriffen an dubiose Hacker irgendwo im Internet? Dann liegst du laut einer neuen Studie ziemlich daneben. Denn die Gefahr sitzt oft näher, als man glaubt – im eigenen Haushalt. Eine Untersuchung des österreichischen Cybersecurity-Spezialisten Certitude Consulting im Auftrag des deutschen Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik zeigt ein überraschendes Bild: In vielen Fällen geht das Risiko nicht von außen, sondern von innen aus. Partner oder Mitbewohner können zur größten Bedrohung werden.

Smartphones, Cloud-Dienste, smarte Heizungen oder vernetzte Kameras sind längst Teil des Alltags. Was bequem ist, bringt aber auch Probleme mit sich. Während Firmen klare Regeln und Schutzmechanismen haben, fehlt so etwas in den meisten Haushalten komplett. Die Folge: Passwörter werden geteilt, Geräte gemeinsam genutzt und Zugriffsrechte selten sauber getrennt. Genau hier entstehen gefährliche Lücken. Besonders heikel wird es, wenn eine Person die Kontrolle über zentrale Technik wie Router, Familien-Cloud oder Smarthome übernimmt.

Digitale Gewalt im Alltag

"Wer IT-Sicherheit ausschließlich mit Hackern im Internet assoziiert, greift zu kurz", erklärt Marc Nimmerrichter von Certitude. "Der Angreifer im Privathaushalt ist häufig der Partner oder Mitbewohner, der Nachrichten mitliest oder Daten kopiert." Was nach Einzelfällen klingt, ist laut Studie ein strukturelles Problem. Gerade in Beziehungen werden Zugangsdaten oft aus Vertrauen geteilt – als Liebesbeweis oder einfach aus Bequemlichkeit. Kommt es später zum Streit oder zur Trennung, kann genau das zum Problem werden.

Die möglichen Folgen gehen weit über neugieriges Mitlesen hinaus. Laut Studie reichen sie von Erpressung mit persönlichen Daten oder Fotos über Identitätsdiebstahl bis hin zu gezielter Einschüchterung. "Mögliche Auswirkungen reichen von Erpressung aufgrund abgegriffener Daten und Fotos, Identitätsdiebstahl, bis zu Mobbing oder Einschüchterung durch die Deaktivierung der Heizung oder eine Lichtabschaltung in der Wohnung", so Nimmerrichter. Das zeigt, wie real digitale Gewalt inzwischen ist.

Ungleiche Rollen verstärken das Risiko

Besonders brisant: Viele Betroffene merken oft gar nicht, wie umfassend der Zugriff anderer auf ihre digitalen Geräte und Konten ist. Ein weiterer Punkt, den die Studie hervorhebt, ist der Digital Gender Gap. Dahinter steckt die Beobachtung, dass technische Aufgaben im Haushalt oft ungleich verteilt sind. Das führt dazu, dass manche Personen weniger Zeit oder Zugang haben, sich mit IT-Sicherheit zu beschäftigen. Die Abhängigkeit von technisch versierteren Partnern steigt. Und damit das Risiko, die Kontrolle über wichtige digitale Bereiche zu verlieren.

Die Studie bleibt nicht bei der Problembeschreibung stehen. Insgesamt wurden 52 konkrete Maßnahmen identifiziert, die helfen sollen, Haushalte sicherer zu machen. Dabei geht es um Dinge wie bessere Passwortnutzung, klare Rechteverteilung oder sichere Einstellungen bei Geräten. Entscheidend ist laut den Forschern aber etwas anderes: Die Maßnahmen müssen im Alltag funktionieren. "Viele bewährte Sicherheitsmaßnahmen lassen sich grundsätzlich auf Privathaushalte übertragen", sagt Experte Werner Riegler.

Studie und Tipps

Die Studie "IT-Sicherheitsmanagement in Haushalten: Risiken, Problemstellungen, Lösungsansätze (ISiH)" ist ab sofort über die Website des BSI verfügbar. Ergänzende Informationsangebote bieten unter anderem die Basisschutz-Empfehlungen, die Hinweise zur Smarthome-Sicherheit sowie die Orientierungshilfen für Eltern.

IT-Sicherheit im Haushalt funktioniert nur gemeinsam

Ein zentrales Ergebnis der Studie: IT-Sicherheit im Haushalt funktioniert nur gemeinsam. Klare Zuständigkeiten, getrennte Zugänge und ein bewusster Umgang mit Daten sind entscheidend. Gleichzeitig sehen die Experten auch Hersteller und Politik in der Pflicht. Geräte sollen von Haus aus sicher eingestellt sein und leichter verständlich werden. Unterstützung kommt hier auch von der EU: Der Cyber Resilience Act verpflichtet Unternehmen zu strengeren Sicherheitsstandards. Erste Regeln gelten ab 11. September 2026.

Neben der Analyse wurde auch an praktischen Lösungen gearbeitet. So entstand ein Prototyp für ein Tool, das Haushalten helfen soll, ihre eigene digitale Sicherheit besser einzuschätzen. "Anspruch der Studie war es nicht nur Risiken sichtbar zu machen, sondern Lösungen aufzuzeigen", sagt Nimmerrichter. "Die Zukunft der IT-Sicherheit entscheidet sich nicht allein in Unternehmen." Die Botschaft der Studie ist klar und lässt sich leicht weitererzählen: Die größte digitale Gefahr ist oft nicht der fremde Hacker, sondern das eigene Umfeld.

{title && {title} } rfi, {title && {title} } 17.03.2026, 21:19
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