Russlands Vormarsch in der Ukraine stockt, doch Entwarnung gibt es keine. Militärstratege Gustav Gressel sieht die russische Armee zwar "langsam müde", viele Offensiven seien zuletzt erlahmt. Trotzdem bleibt der Druck hoch.
Denn Moskau verfolgt eine klare Strategie: Zermürbung. Ziel ist es, die Ukraine mit ständigen Angriffen auszubluten - militärisch wie gesellschaftlich. "So viel Munition einsetzen, bis die Flugabwehr zusammenbricht oder die Bevölkerung müde wird", fasst Gressel die Linie des Kremls zusammen.
Im Zentrum stehen Drohnen. Sie sind billig, schnell produzierbar und flexibel einsetzbar. Laut Gressel könnte Russland heuer bis zu 100.000 Langstreckendrohnen herstellen. Klassische Marschflugkörper spielen dagegen nur mehr eine Nebenrolle - rund 3.000 Stück im selben Zeitraum.
Dass viele Drohnen abgeschossen werden, ist für Moskau kein Problem. Sie gelten als Wegwerfware. Entscheidend ist die Masse, die die ukrainische Luftabwehr permanent unter Druck setzt.
Gleichzeitig schlägt die Ukraine zurück. Mit eigenen Drohnen greift Kiew gezielt russische Energie-Infrastruktur an. Gerade mit Blick auf den kommenden Winter ist das strategisch wichtig. Auch russische Rüstungsbetriebe stehen verstärkt im Visier.
Aktuell sieht Gressel die Ukraine technologisch vorne. Kiew setze seine Mittel effizienter ein und entwickle immer wieder neue Lösungen. Doch dieser Vorsprung ist fragil. Russland habe bereits mehrfach ukrainische Innovationen übernommen - und dann in deutlich größerem Stil umgesetzt.
"Jetzt kommt es darauf an, wie lange dieses Innovationsfenster offen bleibt", so der Experte. Die Ukraine hofft, dass sie ihren Vorteil länger halten kann als nur wenige Monate.
Politisch setzt der Kreml ebenfalls auf Zeit. In Moskau herrscht die Überzeugung, den Krieg am Ende doch noch gewinnen zu können - etwa durch internationalen Druck auf Kiew. Szenarien wie ein erzwungener Friedensabschluss werden dabei mitgedacht.
Militärisch dürfte der Sommer entscheidend werden. Russland wird versuchen, seine Offensive fortzusetzen. Präsident Wladimir Putin hat das Ziel ausgegeben, den Donbass bis Jahresende vollständig zu kontrollieren. Gressel hält das jedoch für "sehr zu bezweifeln".