Der Krieg in der Ukraine hat sich dramatisch verändert – und derzeit hat Kyjiw die Nase vorn. Statt schwerer Artillerie bestimmen immer öfter Drohnen das Geschehen. Mit neuen Mittelstrecken-Systemen gelingt es der Ukraine sogar, Russlands Luftabwehr gezielt zu schwächen und empfindliche Ziele weit hinter der Front zu treffen. Besonders im Visier steht die kriegswichtige Infrastruktur rund um Öl- und Gasanlagen.
Das sorgt auch im Kreml für Nervosität. Selbst abgelegene Rückzugsorte der russischen Elite werden zunehmend abgesichert. Rund um Putins Luxus-Anwesen nahe Waldai, einst für Josef Stalin erbaut, wachsen Flugabwehrstellungen wie Schwammerl aus dem Boden – mehr als zwei Dutzend sind es schon. Binnen weniger Monate hat sich ihre Zahl vervielfacht. Ein Vergleich mit dem Großraum Moskau verdeutlicht die Paranoia des Kriegstreibers. Die 20 Millionen Menschen dort werden von etwa 60 Pantsir-Systemen beschützt.
Ukraines Präsident Wolodymyr Selenskyj rechnete zuletzt vor, dass die eigenen kinetischen Sanktionen Putins Kriegskasse allein im März um mehr als zwei Milliarden Euro erleichtert haben.
Aber auch kremlnahe Militärblogger schlagen Alarm: Trotz hoher Abfangquoten richten die wenigen Drohnen, die durchkommen, enorme Schäden an. Jüngstes Beispiel ist die tagelang brennende Raffinerie in Tuapse am Schwarzen Meer.
Ex-Präsident und Propaganda-Scharfmacher Dmitri Medwedew erklärte in Folge westliche Unternehmen, die der Ukraine bei der Entwicklung neuer Systeme helfen, zu "legitimen Zielen" von russischen Angriffen. Am Montag wurde das Haus eines ukrainischen Drohnen-Experten in Kyjiw bombardiert.
Die technologische Entwicklung verläuft rasant, die Art der Kriegsführung habe sich seit 2022 massiv verändert, erklärt Militär-Expertin Marina Miron vom Londoner King's College gegenüber dem "Standard": "Viele Drohnen verfügen heute über eine automatische Zielerfassung mithilfe von künstlicher Intelligenz (KI), was noch vor sechs Monaten eher selten war. Neu sind auch die sogenannten Killboxen entlang der Frontlinie, wo gar keine ukrainischen Soldaten mehr sind, sondern nur Drohnen."
Ähnlich hatte es zuletzt Oberst Markus Reisner beschrieben: "Sobald [Soldaten] das Versteck verlassen, sind sie dem Tod geweiht. Auf dem Schlachtfeld gibt es keinen Rückzug mehr. Die Drohne findet Sie und reißt Sie in Stücke. Der Drohnenkampf hat den Krieg nicht präziser und sauberer gemacht, sondern er hat ihn völlig entartet."
Tatsächlich sollen laut Kyjiw bis zu 96 Prozent der russischen Verluste im März auf Drohnen zurückgehen.
Für Miron hat die Ukraine im Rüstungswettlauf aktuell die Nase vorne. Das, weil sie auf westliche Software zurückgreifen könne und flexibler auf Entwicklungen reagiere. "Wir müssen in jeder Phase schneller sein als der Feind," gibt Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow die Richtung vor. Er war zuvor Digitalminister, besitzt gute Kontakte zu amerikanischen Tech-Unternehmen.
Der Vorsprung beträgt laut Wiener Militärexperte Gustav Gressel etwa vier bis sechs Monate. Ein entscheidender Faktor: die enge Vernetzung zwischen Front und Entwicklern. Während Russland seine Systeme oft schwerfällig anpasst, kann die Ukraine Innovationen schnell umsetzen.
Besonders deutlich zeigt sich das beim Einsatz neuer Mittelstrecken-Drohnen vom Typ Rubaka oder FP-2. Diese sogenannten "Middle-Strike"-Waffen schließen eine kritische Lücke. Ziele rund 100 Kilometer hinter der Front, die bisher kaum erreichbar waren, geraten nun ins Visier. Laut Analysen wurden seit ihrer Einführung bereits Hunderte Ziele angegriffen – vor allem Luftabwehrsysteme. "Die Ukraine zerstört aktuell mehr davon, als im Jahr produziert wird. Für Moskau wird das zum Dilemma", sagt Gressel.
Gleichzeitig entwickelt sich das Land zu einem global beachteten Zentrum für Militärtechnologie. Internationale Partner investieren, neue Allianzen entstehen. Selbst große Techfirmen nutzen den Krieg als Testfeld. "Auch die Qualität von KI-Systemen hängt von den Daten ab, mit denen sie trainiert werden. Für Unternehmen wie Palantir ist der Krieg in der Ukraine die einzige Möglichkeit, an echte Daten zu gelangen", so Analystin Miron. Palantir könne diese Modelle später an die NATO verkaufen. Das Unternehmen gehört Peter Thiel, der auch Ex-Kanzler Sebastian Kurz anheuerte.
Doch trotz aller Innovationen bleibt ein Problem: der Personalmangel. Erste Erfolge mit robotischen Systemen gibt es zwar, doch sie ersetzen keine Soldaten. "Tatsächlich beobachte ich einen Pendeleffekt, der keiner der beiden Seiten nachhaltig einen Vorteil verschafft", so die Forscherin. Gressel sieht weiterhin große Probleme in der Rekrutierung: "Die Quote der Desertionen ist aber gesunken."