Der Diebstahl zweier wichtiger Transparente der Ultras Rapid sorgt weit über Hütteldorf hinaus für Wirbel. In der Fanszene wird heftig über die Konsequenzen diskutiert. Sogar eine Auflösung der einflussreichen Gruppierung steht im Raum.
Der Vorfall beim Rapid-Testspiel in Venedig schlägt hohe Wellen. Wie berichtet, wurden den Ultras Rapid nach dem 0:1 im Test gegen Venezia zwei für die Gruppe bedeutende "Fetzn" gestohlen. Seitdem herrscht im Block West große Verunsicherung.
Was ist ein "Fetzn"?
Fahnen und Transparente haben in der Ultra-Kultur eine besondere Bedeutung. Vor allem die zentrale Zaun- oder Gruppenfahne repräsentiert eine Gruppierung nach außen. Gerät eine solche Hauptfahne in die Hände einer gegnerischen Gruppe, gilt das traditionell als schwere Demütigung.
Was sagen die Ultras zur Venedig-Causa?
Die Ultras Rapid selbst sprechen von einem ernsten Vorfall und einer ungewissen Zukunft. "Wir wissen im Moment weder, wer für diesen Einbruch verantwortlich ist, noch wie unser Weg in Zukunft aussehen wird", heißt es in ihrer Stellungnahme. Nach eigenen Angaben war nach dem Spiel ein Auto aufgebrochen worden. Aus dem Kofferraum verschwanden der sogenannte "Besuchsfetzn" sowie ein "Jubiläumsfetzn" der Ultras Rapid und der befreundeten Gate 13 von Panathinaikos Athen.
Dass die Angelegenheit für die 1988 gegründete Gruppierung weit über den materiellen Verlust hinausgeht, liegt an den ungeschriebenen Regeln der Ultraszene. Die Ultras Rapid gelten als älteste und größte Ultra-Gruppierung Österreichs und besitzen innerhalb der heimischen Fanszene erhebliches Gewicht.
Es gab schon Auflösungen
In der Vergangenheit haben sich Ultra-Gruppen nach dem Verlust ihrer zentralen Fahne tatsächlich aufgelöst. Jüngst verloren die "Viola Fanatics" von Austria Wien 2023 die Macht in der Kurve des Rivalen und lösten sich nach der "Fetzn"-Entwendung auf. Nach 22-jährigem Bestehen.
2008 zogen in Deutschland die Ultras Mönchengladbach diesen Schritt, nachdem ihre Heimspiel-Zaunfahne aus einem Fahnenraum gestohlen worden war. Auch die Kölner Gruppe "Boyz" löste sich 2018 nach dem Verlust einer Fahne auf.
Einen weltweit verbindlichen schriftlichen "Ultra-Kodex" gibt es allerdings nicht. Wie schwer ein Fahnenverlust wiegt und welche Konsequenzen daraus gezogen werden, hängt auch von der jeweiligen Gruppierung und den Umständen ab. Selbst innerhalb einschlägiger Szeneforen werden unterschiedliche Fälle und Reaktionen diskutiert.
Genau darin liegt im Fall der Ultras Rapid die entscheidende Frage.
Wie wahrscheinlich ist die "UR"-Auflösung?
Nach bisherigem Stand wurde in Venedig nämlich nicht die zentrale Hauptfahne der Ultras Rapid gestohlen. Betroffen waren der "Besuchsfetzn", also ein wichtiges Transparent für Auswärtsspiele, sowie ein "Jubiläumsfetzn" mit Gate 13.
Damit besitzen die gestohlenen Utensilien zwar einen hohen Stellenwert innerhalb der Gruppe, sie stehen in der internen Symbolik aber nicht zwingend auf derselben Stufe wie der zentrale "Gruppenfetzn".
In österreichischen Fan-Foren wird deshalb intensiv darüber diskutiert, ob der Vorfall überhaupt jene Schwelle erreicht, die nach traditioneller Ultra-Auslegung eine Auflösung notwendig machen würde.
Die Ultras Rapid selbst haben eine solche Konsequenz bislang nicht angekündigt. Dass sie in ihrem Statement ausdrücklich von "erheblichen Folgen" und einem derzeit unklaren weiteren Weg sprechen, zeigt allerdings, wie ernst die Gruppierung den Vorfall nimmt.
Macht der Kofferraum einen Unterschied?
Hinzu kommt ein weiterer Punkt, über den innerhalb der Szene diskutiert wird: die Art des Diebstahls.
Laut Darstellung der Ultras Rapid wurde ein abgestelltes Auto aufgebrochen, während sich die Gruppe nach dem Spiel noch bei Feierlichkeiten in Venedig befand. Eine Scheibe wurde eingeschlagen, der Kofferraum geöffnet und die beiden Transparente daraus entwendet.
Damit wurden die "Fetzn" offenbar nicht während eines Spiels aus dem Block geraubt oder einer Gruppe bei einer direkten Konfrontation abgenommen.
Ob ein Diebstahl aus einem abgesperrten Auto nach den ungeschriebenen Regeln der Szene genauso zu bewerten ist wie der Verlust einer im Stadion zu verteidigenden Gruppenfahne, ist Auslegungssache. Gerade diese Frage beschäftigt derzeit zahlreiche Fans.
Wilde Spekulationen um Täter
Völlig offen ist weiterhin, wer hinter dem Einbruch steckt.
Dass es sich nicht zwingend um einen gewöhnlichen Autoeinbruch gehandelt haben muss, legt zumindest die Reaktion der Ultras Rapid nahe. Belegt ist eine gezielte Aktion einer rivalisierenden Fangruppe derzeit aber nicht.
Üblicherweise werden erbeutete Fahnen und Transparente von rivalisierenden Gruppen später demonstrativ präsentiert – häufig verkehrt herum in der eigenen Kurve. Auch deshalb dürfte erst eine solche Aktion oder ein Bekennerschreiben endgültig Klarheit über den Hintergrund bringen.
Bis dahin kennen die Spekulationen in österreichischen und internationalen Fan-Foren kaum Grenzen. Immer wieder wird dabei auch Roter Stern Belgrad genannt. Dafür gibt es derzeit allerdings keinerlei bestätigten Nachweis.
Eine Verbindung, die Spekulationen befeuert, existiert über die internationalen Fanfreundschaften: Die Delije von Roter Stern pflegen enge Kontakte zu Gate 7 von Olympiakos Piräus. Rapid wiederum verbindet eine langjährige Freundschaft mit Gate 13 von Panathinaikos, dem großen Rivalen von Olympiakos.
Mehr als eine mögliche Erklärung für die kursierenden Gerüchte ist das derzeit nicht.
Auch andere Versionen darüber, wie genau sich der Vorfall in Venedig abgespielt haben soll, machen inzwischen die Runde. Bestätigen lässt sich davon bislang nichts. Gerade in einer von Rivalitäten geprägten Ultra-Szene bietet ein derartiger Vorfall naturgemäß reichlich Stoff für Provokationen und Sticheleien.
Ungewisse Zukunft im Block West
Damit richtet sich der Blick nun auf die Ultras Rapid selbst.
Seit 1988 prägt die Gruppe die organisierte Rapid-Fanszene und ist heute ein zentraler Bestandteil des Block West. Ihr Einfluss reicht weit über Hütteldorf hinaus. Die Gruppe gilt als größte Ultra-Gruppierung Österreichs.
Ob aus dem Verlust der beiden "Fetzn" tatsächlich Konsequenzen bis hin zur Auflösung gezogen werden, ist derzeit offen.
Fest steht: Sportlich ging Rapid als Tabellenführer in die Länderspielpause. Auf der Tribüne rumort es dagegen gewaltig. Der Block West im Wiener Allianz Stadion könnte bei der Rückkehr in den Liga-Alltag ein ungewohntes Bild liefern.