Die Musikbranche steht massiv unter Druck – und ausgerechnet Social Media, das einst als große Chance für Newcomer galt, soll laut aktuellen Berichten zunehmend zum Werkzeug gezielter Manipulation geworden sein.
Im ARD-Format "Pop Secret Stories" wird unter anderem der spektakuläre Aufstieg der New Yorker Band "Geese" unter die Lupe genommen. Vom Indie-Geheimtipp ging es für die Musiker kometenhaft schnell auf die großen Bühnen der Welt. Doch das US-Magazin "Wired" stellte die Frage, ob hinter dem Erfolg mehr steckt als nur Talent und Zufall. Und tatsächlich: Scheinbar kontrollieren eigene Agenturen, wer der nächste große Star sein darf.
Im Mittelpunkt des Beitrags der ARD steht die Agentur Chaotic Good Projects, die laut Berichten nicht nur mit Geese, sondern auch mit bekannten Namen wie Justin Bieber, Zara Larsson oder sombr arbeitet. Das Geschäftsmodell: gezielt Hype erzeugen, Narrative steuern und Social Media als Verstärker nutzen. Dazu sollen unter anderem Fake-Fan-Accounts, Meme-Seiten, orchestrierte Beiträge nach großen Auftritten sowie massenhaft positive Kommentare eingesetzt werden. Gefälschte Fan-Kommentare sollen den Eindruck eines natürlichen Ansturms vermitteln.
Hinzu kommen Methoden wie sogenanntes "Clipping", bei dem dieselben Clips immer wieder gepostet werden, bis sie viral gehen, sowie die gezielte Verbreitung von Songs über TikTok-Sounds, Reels und YouTube-Shorts. Auch ähnliche Firmen wie Byword oder Floodify werden thematisiert. Deren ehemaliger CEO behauptet sogar, dass bis zu 90 Prozent unserer Social-Media-Feeds aus gesteuerten Kampagnen bestehen sollen.
Auf Instagram, TikTok und Co. schlagen viele Musiker längst Alarm. Sie berichten von Druck, Existenzängsten, Erschöpfung und dem Gefühl, gegen ein manipuliertes System kaum noch anzukommen. Gleichzeitig kämpfen sie mit KI-generierter Musik, geringen Streaming-Einnahmen, ausfallenden Konzerten und steigenden Produktionskosten.
Denn was viele Konsumenten nicht wissen: Für die professionelle Produktion eines Songs muss man oft schon mal 2.000 Euro oder mehr investieren, bevor dieser überhaupt veröffentlicht werden kann. Mit den vergleichsweise niedrigen Streaming-Einnahmen – bei Spotify sind es oft nur rund 0,003 Euro pro Stream – sowie den immer kleineren Live-Gagen lässt sich das jedoch nur schwer wieder hereinholen.
Musiker James Blake brachte die Debatte nun mit einem viralen Beitrag auf den Punkt: "Man kann keiner Rezension mehr vertrauen, weil Blogs und Magazine kein Geld mehr verdienen und Journalisten inzwischen von Labels bezahlt werden. Man kann keinem Kommentarbereich mehr vertrauen, weil er voller gefälschter Fan-Accounts ist, die Dinge wie 'OMG, diese Stimme!' schreiben, um einen Mitläufer-Effekt zu erzeugen."
Weiter schreibt er auf Instagram: "Man kann YouTube-Zahlen nicht vertrauen, weil Labels sie kaufen. Man kann Streaming-Zahlen nicht vertrauen, weil Labels Bot-Farmen bezahlen, um die Reichweite und Auffindbarkeit künstlich zu steigern. Man kann nicht einmal mehr sicher sein, dass ein Song überhaupt von Menschen gemacht wurde."
Dennoch will er Kollegen, die Selbstzweifel haben, Mut machen: "Wenn du Künstler bist, dann denk daran: Im Jahr 2026 gibt es keinen einzigen Teil dieses Systems, der nicht manipuliert oder gefälscht wird. Wahrscheinlich läuft es für dich besser, als du denkst."