Sie stand mit den ganz Großen auf der Bühne, prägte eine Ära des deutschen Schlagers – und blickt heute mit gemischten Gefühlen auf das, was aus ihrem Genre geworden ist. Beim Besuch im "Kölner Treff" spricht Mary Roos offen aus, was sie vermisst: "Ich finde es jetzt manchmal seltsam. Es ist alles so beliebig geworden. Das ist alles die gleiche Musik. Es treten immer die gleichen Künstler auf. Das fehlt mir ein bisschen."
Worte, die Gewicht haben, schließlich kennt Roos den Schlager aus einer Zeit, in der Vielfalt, Handschrift und Mut zum echten Gefühl selbstverständlich waren. Auch trotz ihrem Abschied von der Bühne hört sie genau hin – und erkennt eine Branche, die sich seit einigen Jahren zunehmend im Kreis dreht.
Mit ihrer Kritik steht Mary Roos nicht allein da. Andere Größen wie Roberto Blanco sehen es ähnlich. Der Musiker erklärte Ende 2025 dem "Hamburger Abendblatt": "Das ist wie eine kleine Mafia, wenn ich das so sagen darf: Helene Fischer, Roland Kaiser; alles tolle Leute, aber man sollte auch neuen Gesichtern eine Chance geben."
Tatsächlich tauchen Namen wie Maite Kelly, Andrea Berg oder Howard Carpendale in den großen Shows immer wieder auf – während andere Künstler und vor allem neue Talente außen vor bleiben.
Florian Silbereisen weist gegenüber "Bild" vor einigen Wochen allerdings die ständigen Vorwürfe zurück und betont: "Das sehe ich überhaupt nicht. Wir haben in den letzten Jahrzehnten so vielen neuen Stars eine Chance gegeben."
G. G. Anderson schlug in einem Interview im letzten Jahr wiederum dieselbe Kerbe wie seine Kollegen: "Ich war noch nie bei Giovanni Zarrella und ich verstehe das einfach nicht. Ich habe sogar nachfragen lassen und was bekomme ich zu hören? Eine Absage." Und weiter: "Dabei ist es in der Branche längst ein offenes Geheimnis, dass immer die gleichen Künstler auftreten und es an Vielfalt mangelt. Das ist eine bodenlose Frechheit und eine Ungerechtigkeit par excellence."
Gleichzeitig stehen die Sender unter permanentem Quotendruck und haben oft kaum Spielraum, Künstler ohne bestehende Fanbase aufzubauen. Komplett unbekannte Talente, die nicht zumindest schon einen Hit hatten oder auf Social Media bereits als Stars gelten, holt man sowieso gar nicht ins Programm. Stattdessen setzt man lieber auf altgewordene Legenden, große Hits und Show-Effekte, um das Publikum nicht zu verlieren.
Ob weitere Altstars die Lösung sind oder dringend neue, spannende Gesichter nachrücken müssen, kann man auf die Waagschale legen – fest steht jedoch: Die Schlagerszene läuft Gefahr, auszubluten, denn immer mehr große Namen wie Michelle, Jürgen Drews, die Amigos, Peter Maffay oder Howard Carpendale beenden ihre Karrieren, gehen nicht mehr auf Tour oder sind nur noch vereinzelt im Fernsehen zu sehen.