Es soll das "Mutter aller Abkommen" werden: Die EU und Indien sitzen derzeit am Verhandlungstisch und arbeiten an einem Freihandelsvertrag. Ziel ist es, viele Zölle und Patenthürden aus dem Weg zu räumen. Beide Seiten hoffen, die letzten offenen Fragen in den nächsten Tagen klären zu können. Dann könnten EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Indiens Premier Narendra Modi das Abkommen schon nächste Woche beim Gipfel in Neu Delhi unterschreiben.
Worum geht’s überhaupt? Mit dem Abkommen rechnen beide Seiten mit kräftigen Exportgewinnen – und setzen gleichzeitig ein politisches Zeichen. Während die beiden größten Volkswirtschaften, die USA und China, mit Zöllen und Exportkontrollen den Welthandel bremsen, wollen die EU und Indien enger zusammenarbeiten. Die Zölle werden zwar nicht komplett abgeschafft, aber spürbar gesenkt.
Wie groß ist der gemeinsame Markt? Indien hat rund 1,4 Milliarden Einwohner und ist damit das bevölkerungsreichste Land der Welt. Heuer könnte Indien laut Schätzungen zur viertgrößten Volkswirtschaft aufsteigen. Die EU mit ihren 450 Millionen Einwohnern ist schon jetzt Indiens wichtigster Handelspartner.
Was bringt das Abkommen der EU? Besonders die Auto- und Chemieindustrie hoffen auf mehr Absatz in Indien. Auch die Landwirtschaft, etwa mit Käse oder Milchpulver, könnte profitieren. Europäische Firmen könnten Teile ihrer Produktion nach Indien verlagern und Bauteile zurück nach Europa bringen. Durch eine Angleichung der Patentregeln soll der Austausch von Technologie erleichtert werden. Die Industrie erhofft sich außerdem dringend benötigte Rohstoffe und Fachkräfte.
Und was hat Indien davon? Das Land will mehr Stahl in die EU liefern. Auch Medikamente, vor allem Generika, sowie Textilien könnten verstärkt nach Europa exportiert werden. Indische Firmen sollen zudem von den neuen Patentregeln profitieren.
Wo gibt’s noch Streitpunkte? Für die Autoindustrie ist eine Obergrenze für die zollfreie Einfuhr nach Indien geplant. Wie hoch die ausfallen soll, ist aber noch offen. Die Autoindustrie warnt vor einer zu niedrigen Quote. Umgekehrt will die EU ihre Stahlzölle nicht komplett abschaffen, was indische Firmen wiederum stört – sie hoffen auf möglichst hohe zollfreie Mengen. Neu Delhi fordert für die eigene Stahlindustrie eine Ausnahme von der CO2-Einfuhrgebühr (CBAM) der EU. Diese Gebühr soll für fairen Wettbewerb sorgen: Europäische Stahlhersteller müssen CO2-Zertifikate kaufen, Importeure zahlen eine Einfuhrgebühr.
Gibt’s auch Kritik? In der EU kaum. Im Gegensatz zum umstrittenen Mercosur-Abkommen mit Südamerika sind die Verhandlungen mit Indien wenig umstritten. Das liegt vor allem daran, dass die europäische Landwirtschaft die Konkurrenz aus Indien nicht fürchtet. Indien wiederum will seine Bauern vor Konkurrenz aus Europa schützen – daher dürfte der Agrarteil des Abkommens klein bleiben.
Wie wollen EU und Indien noch zusammenarbeiten? Neben dem Handelsabkommen ist auch eine Partnerschaft in der Sicherheits- und Verteidigungspolitik geplant, die ebenfalls nächste Woche unterschrieben werden könnte. Laut EU-Außenbeauftragter Kaja Kallas wollen beide Seiten bei maritimer Sicherheit, Cybersicherheit und Terrorismusabwehr enger zusammenarbeiten.