Der frühere kanadische Premierminister Justin Trudeau hat Europa davor gewarnt, gegenüber der US-Regierung unter Präsident Donald Trump nachzugeben. Wer versuche, die USA zu beschwichtigen, müsse damit rechnen, dass weitere Forderungen folgen würden, sagte Trudeau am Freitag beim Salzburg Summit der Industriellenvereinigung.
Nach Ansicht des Ex-Regierungschefs suche Trump keine Lösungen, von denen beide Seiten profitieren. Vielmehr gehe es ihm darum, andere als Verlierer dastehen zu lassen. Zudem handle der US-Präsident nach Trudeaus Einschätzung teilweise sogar gegen die wirtschaftlichen Interessen des eigenen Landes.
Als Beispiel nannte Trudeau die von Trump verhängten Strafzölle. Diese würden seiner Ansicht nach zwar Unternehmen nützen, die Interessen der Bevölkerung aber nicht ausreichend berücksichtigen. Europa solle deshalb seine Wirtschaftsbeziehungen breiter aufstellen und enger mit verlässlichen Partnern zusammenarbeiten, die ähnliche Werte vertreten.
Gleichzeitig sprach sich Trudeau für eine intensivere Zusammenarbeit zwischen Kanada und Europa aus. Er wolle zwar mehr gemeinsame Projekte, scherzte aber auch, er wolle deshalb nicht gleich Europäer werden. Mit Blick auf das Handelsabkommen CETA erinnerte er daran, wie kompliziert die Ratifizierung in den einzelnen europäischen Staaten gewesen sei.
Mit Blick auf den Krieg in der Ukraine sprach sich Trudeau gegen Überlegungen aus, Russland einen gesichtswahrenden Ausweg zu ermöglichen. Russland dürfe aus dem Angriffskrieg keinen Vorteil ziehen. Andernfalls würde weltweit das Signal entstehen, dass sich Grenzverschiebungen durch Gewalt lohnen.
Die Ukraine müsse so lange unterstützt werden, bis sie den Krieg gewinne oder selbst zu Friedensverhandlungen bereit sei. Zugleich kritisierte Trudeau, dass auf die Annexion der Krim nicht entschlossen genug reagiert worden sei.
Auch die US-Politik gegenüber dem Iran bewertete der ehemalige Premier kritisch. Das Ende des internationalen Atomabkommens bezeichnete er als schweren Fehler. Einen von Washington angestrebten Regimewechsel im Iran hielt Trudeau rückblickend für unrealistisch. Seiner Einschätzung nach werde die internationale Gemeinschaft mit einer gestärkten iranischen Führung umgehen müssen.
Darüber hinaus warnte Trudeau vor einer schleichenden Erosion der regelbasierten Weltordnung. Staaten wie China, Indien, aber auch die USA würden diese zunehmend als unverbindlich betrachten. Europa und Kanada müssten sich deshalb weiter für diese Ordnung einsetzen.
Zudem appellierte Trudeau an Unternehmen, geopolitische Risiken stärker in ihre Entscheidungen einzubeziehen und Investitionen an demokratischen Werten auszurichten. Sorgen bereiteten ihm auch der Vertrauensverlust vieler Menschen in demokratische Systeme sowie manipulative Algorithmen in sozialen Medien. Mehr Dialog, starke Medien und Vielfalt seien aus seiner Sicht entscheidend, um gesellschaftlichen Zusammenhalt und Vertrauen zu stärken.