Klimaschutz

"Gasausstieg wird unser Mann am Mond-Momentum"

Die Stadt Wien will bis 2040 klimaneutral sein. Wie dies gelingen soll, erklärt Klimastadtrat Jürgen Czernohorszky im "Heute"-Klimatalk.

Wien will beim Heizen bis 2040 komplett "raus aus Gas". "Eine Mammutaufgabe", sagt Klimastadtrat Jürgen Czernohorszky.
Wien will beim Heizen bis 2040 komplett "raus aus Gas". "Eine Mammutaufgabe", sagt Klimastadtrat Jürgen Czernohorszky.
"Heute", Denise Auer

Bis 2040 will die Stadt Wien Klimaneutralität erreichen. Bedeutet, dass nicht mehr CO2 in die Atmosphäre ausgebracht wird, wie durch Kohlenstoffsenken (Bäume, Wiesen, Moore) aufgenommen werden kann. Erneuerbare Energien, Abfallvermeidung und alternative Mobilitätsformen stehen dabei im Fokus. In der ersten Ausgabe von "Heute For Future TV" diskutiert Klima-Redakteurin Lydia Matzka-Saboi mit Klimastadtrat Jürgen Czernohorszky (SPÖ) über den Klimafahrplan der Stadt Wien.

Was ist eine klimaneutrale Stadt, Herr Czernohorszky? Wie soll Klimaneutralität bis 2040 gelingen?

Jürgen Czernohorszky: "Der Klimafahrplan der Stadt Wien enthält über 100 Maßnahmen, für die Rahmenstrategie wurden elf Zielbereiche definiert. Im Gebäudebereich etwa wird im Neubau nur mehr die Versorgung mit erneuerbaren Energieträgern oder mit Fernwärme erlaubt sein, Gasthermen sind ab 2040 generell nicht mehr vorgesehen. Wien will beim Heizen bis 2040 komplett raus aus Gas."

In Wien heizen 442.000 Haushalte mit Gas. Ist der geplante Gasausstieg überhaupt realistisch?

Czernohorszky: "Das wird unser "Mann am Mond"-Momentum. Der Gasausstieg ist eine richtige Mammutaufgabe, wir werden hier an vielen Schrauben drehen müssen. Im wesentlichen setzen wir auf zwei Säulen: Die Fernwärme wird stark ausgebaut, die Fernwärme selbst soll künftig ohne Gas erzeugt werden. Und überall dort, wo dies nicht möglich ist, soll Haus für Haus auf Wärmepumpen umgestellt werden."

Können die Menschen sich den Umstieg auf Erneuerbare überhaupt leisten?

Czernohorszky: "Klimaschutz muss meiner Meinung nach sozial sein, er muss den Menschen was bringen. Die Lebensqualität muss sich für die Wienerinnen und Wiener verbessern, sodass man auch in 20 Jahren ein gutes Leben führen kann. In den vergangenen Jahren wurde viel in die thermische Sanierung investiert, das hilft uns nicht nur im Winter, dass die Wohnungen warm bleiben, sondern auch im Sommer, dass die Hitze aus der Wohnung draußen bleibt."

Die Frage etwas anders gestellt, ist Klimaschutz elitär?

Czernohorszky: "Oft misstrauen die Menschen der Politik deshalb, weil sie den Eindruck haben, dass Klimaschutz elitär ist, weil die Botschaften häufig mit erhobenem Zeigefinger abgeschickt werden. Für eine einfache Wienerin, einen einfachen Wiener, bedeutet der moralische Appell Verzicht, eine Umstellung, verbunden mit höheren Kosten. Das Gegenteil davon müsse geschehen – sonst funktioniert Politik nicht! Klimaschutz muss das Leben der Menschen einfacher machen. Das Heizen ohne CO2-Ausstoß muss billiger sein als jenes mit klimaschädlichen Gasen. Wohnen in einem gedämmten Haus muss ein schöneres Wohnen sein."

Vor der Sendung geht es für den Klimastadtrat in die Maske.
Vor der Sendung geht es für den Klimastadtrat in die Maske.
Denise Auer

Die Fernwärme wird in Wien zu über 50 Prozent aus Erdgas erzeugt. Zu Spitzenzeiten liegt der Erdgas-Anteil bei bis zu 65 Prozent. In 17 Jahren ist der Gas-Anteil dann null?

Czernohorszky: "Ja. Wir haben in Wien ein starkes Fernwärmenetz, das sehr viele Wienerinnen und Wiener nutzen. Das Netz selbst ist klimafreundlich, denn es wird Wärme auch über die Müllverbrennung und die derzeit vorhanden Wärmepumpen erzeugt. Der Gasanteil in der Fernwärme soll reduziert werden beziehungsweise wird die Abwärme von mit grünem Gas betriebenen Kraftwerken genutzt. Auch Tiefengeothermie sowie verstärkt Großwärmepumpen – aktuell wird gerade eine bei der Kläranlage in Simmering gebaut – werden zum Einsatz kommen."

Der "Klimafahrplan" der Stadt Wien sieht auch vor, dass ab 2040 keine Fahrzeuge mit Benzin- oder Dieselmotoren mehr im Einsatz sind.

Czernohorszky: "Das ist eine wirklich große Nummer. EU weit soll ja ein Verbrennerverbot bis 2035 beschlossen werden. Die Flotte der Stadt Wien, das sind über 3.000 Fahrzeuge (Müllfahrzeuge usw.), soll schon ab 2025 klimaneutral betrieben werden. Mit Wasserstoff oder Elektrizität. Wien will eine Öffi- und Fußgänger-Stadt werden. Ich sage das ganz offen, mir sind jetzt auch zu viele Autos in der Stadt. Derzeit werden 26 Prozent der Wege in Wien mit Autos zurückgelegt, ungefähr ein Drittel mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Unser Ziel ist es, die Wege mit dem Auto auf 15 Prozent zu reduzieren. Der öffentliche Verkehr soll weiter ausgebaut werden, auch "shared mobility" ist ein Thema."

Und dennoch: An der umstrittenen Stadtstraße hält die rot-pinke Stadtregierung fest?

Czernohorszky: "Danke für die Frage. Daran erkennt man, Klimapolitik hängt mit allem zusammen. Hier wird ein Zielkonflikt sichtbar. Wien wächst, man will auf der einen Seite eine Stadt weiter entwickeln und auf der anderen Seite wollen wir den Verkehr drosseln."

Klimastadtrat Jürgen Czernohorszky im Gespräch mit Klima-Redakteurin Lydia Matzka-Saboi.
Klimastadtrat Jürgen Czernohorszky im Gespräch mit Klima-Redakteurin Lydia Matzka-Saboi.
Denise Auer

Aber eine neue Straße zu bauen, ist in Zeiten der Klimakrise ein Rückschritt. Jede neue Straße bringt nur neuen Verkehr…

Czernohorszky: "Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs hat Wien rund 400.000 mehr Einwohner – und Wien wächst weiter. Geschätzt kommen im Norden der Stadt in den nächsten Jahren noch 60.000 Menschen dazu, für die Wohnungen gebaut werden, neben der Öffinutzung gibt es auch den Bedarf nach Individualverkehr. Auch wenn das mir als Umweltstadtrat überhaupt keine Freude bereitet, die Autos und Busse benötigen Straßen, daher auch mein Bekenntnis zum Bau der Stadtstraße."

Wie kommen Sie selbst zur Arbeit?

Czernohorszky: "Ich habe vier Fahrräder, ein Faltrad ist immer unter meinem Schreibtisch im Büro, das habe ich am liebsten, so komme ich abends schnell mal wohin. Ich fahre aber auch gerne mit der U-Bahn, gehe zu Fuß und habe ein E-Dienstfahrzeug."

heute.at-Chefredakteur Clemens Oistric, Amra Durić (<em>"Heute"</em>), Klimastadtrat Jürgen Czernohorszky, Lydia Matzka-Saboi (<em>"Heute"</em>).
heute.at-Chefredakteur Clemens Oistric, Amra Durić ("Heute"), Klimastadtrat Jürgen Czernohorszky, Lydia Matzka-Saboi ("Heute").
Denise Auer

Was halten Sie von den Aktionen der "Letzten Generation"?

Czernohorszky: "Ich finde das Anliegen richtig, ich stelle mir nur die Frage, ob die Form richtig gewählt ist. Wir sind mitten in der Klimakrise, es ist fünf nach Zwölf, wir müssten deutlich mehr tun, es ist gut, dass darauf aufmerksam gemacht wird. Mit dem Ankleben ärgert man aber die Falschen. Also Leute, die in der früh in die Arbeit müssen, ihr Kind in die Schule bringen wollen. Ich bin eher ein Freund davon, Lösungen und Aktionsformen zu finden, die die Hand ausstrecken."

Sie haben zwei Töchter, wenn die sich ankleben, was würden Sie sagen?

Czernohorszky: "Grundsätzlich unterstütze ich es, wenn sich meine Töchter kritisch mit der Welt auseinandersetzen. Ich finde es cool, wenn sich junge Leute kritisch mit der Welt auseinandersetzen, aber sie mögen sich doch überlegen, vielleicht besser bei den wirklichen Dinosauriern, bei den wirklichen Klimasündern anzupicken und nicht die Leute, die in der früh zur Arbeit fahren, zu ärgern."

Czernohorszky: "Am meisten ärgern mich aber nicht die, die den Verkehr in der Früh blockieren, sondern diejenigen, die alle Klimaschutzgesetze im Land blockieren."

Herr Czernohorszky, ich sage danke für das Gespräch!

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