Es sind Namen, die Jahrzehnte lang fehlten. Namen von Menschen, die einst im Gemeindebau Karl-Marx-Hof in Wien-Döbling lebten, bevor sie entrechtet, vertrieben und schließlich ermordet wurden. Nun erinnert eine neue Gedenktafel an ihr Schicksal.
Das Datum der Enthüllung wurde bewusst gewählt: Am 14. Juni 1938 begann die systematische Delogierung jüdischer Bewohner aus den Wiener Gemeindebauten durch die Nationalsozialisten. Allein im Karl-Marx-Hof lebten damals 212 Menschen mit jüdischen Wurzeln. Sie mussten ihre Wohnungen innerhalb von nur zwei Wochen verlassen. Viele konnten fliehen, andere wurden interniert, deportiert und später in Konzentrations- und Vernichtungslagern ermordet.
Die neue Gedenktafel erinnert an 46 Frauen, Männer und Kinder aus dem Karl-Marx-Hof, die Opfer der Shoah wurden. Grundlage dafür ist das Forschungsprojekt "Der Gemeindebau in der NS-Zeit", das vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) im Auftrag von Wiener Wohnen durchgeführt wurde.
"Der Gemeindebau war und ist seinen Bewohnerinnen und Bewohnern immer mehr als nur Wohnraum – er war Lebensmittelpunkt, Heimat und Schutzraum. Umso wichtiger ist es, auch die dunklen Kapitel dieser Geschichte sichtbar zu machen. Die neue Gedenktafel erinnert an Menschen, die entrechtet, vertrieben und ermordet wurden. Denn Erinnerung braucht konkrete Orte und konkrete Namen", betont Wohnbaustadträtin Elke Hanel-Torsch (SPÖ).
Auch für den wissenschaftlichen Leiter des DÖW, Andreas Kranebitter, hat das Projekt besondere Bedeutung: "Das Forschungsprojekt zu den Gemeindebauten gehört zu den Projekten, die mir am wichtigsten sind. Es zeigt, wie totalitäre Systeme wie der Nationalsozialismus jeden Lebensbereich betreffen, es handelt vom jüdischen Arzt aus der Nachbarschaft, dem kleinen Gewerbetreibenden im Straßenlokal und den vielen Mieter*innen, die entrechtet, vertrieben und ermordet wurden. Es handelt aber auch von denjenigen, die diese Praxen, Geschäftslokale und Wohnungen übernommen und vom Nationalsozialismus profitiert haben. Umso mehr freut es mich, dass der Karl-Marx-Hof nun so prominent an diejenigen erinnert, die gewaltsam aus der Gemeinschaft dieses Gemeindebaus gerissen wurden", erklärt Kranebitter.
„Mit der Gedenktafel geben wir den vertriebenen und ermordeten Frauen, Männer und Kindern vom Karl-Marx-Hof ihre Namen und ihren Platz in der Erinnerung zurück“Johannes PritzWiener-Wohnen-Vizedirektor
Wiener-Wohnen-Vizedirektor Johannes Pritz verweist auf die vielen persönlichen Schicksale hinter den historischen Akten: "Mit Beschluss vom 14. Juni 1938 haben die Nationalsozialisten tausende jüdische Mieterinnen und Mieter systematisch aus ihren Gemeindewohnungen vertrieben. Hinter jeder Delogierung stand ein menschliches Schicksal, das leider oftmals in der Ermordung endete. Die Forschung hat viele dieser Geschichten wieder sichtbar gemacht. Mit der Gedenktafel geben wir den vertriebenen und ermordeten Frauen, Männer und Kindern vom Karl-Marx-Hof ihre Namen und ihren Platz in der Erinnerung zurück", so Pritz.
Das Erinnerungsprojekt wird auch heuer fortgesetzt. Nach großem Interesse mit rund 850 Teilnehmern im Vorjahr bietet Wiener Wohnen erneut kostenlose Stadtspaziergänge zu den Spuren des Nationalsozialismus in Wiener Gemeindebauten an. Erstmals ist auch ein Rundgang durch den 12. Bezirk Teil des Programms.
Die neuen Termine:
➤7./8. Bezirk: 31. August 2026, 17.00 Uhr
➤22. Bezirk: 2. September 2026, 17.00 Uhr
➤12. Bezirk (neu): 4. September 2026, 17.00 Uhr
➤2. Bezirk: 5. September 2026, 14.00 Uhr
Teilnahme & Anmeldung:
Die Teilnahme an den Spaziergängen ist kostenlos, um rechtzeitige Anmeldung – spätestens eine Woche vor dem Termin – wird ersucht unter der Wiener Wohnen Service-Nummer 05 75 75 75 bzw. unter der E-Mail-Adresse [email protected].
Weitere Infos unter https://nievergessen.wienerwohnen.at/stadtfuehrungen