Während die Politik über die große Gesundheitsreform streitet, melden sich nun die Betroffenen selbst zu Wort. Eine neue Studie des Berufsverbands Fachärzt:innen Österreich in Zusammenarbeit mit dem Meinungsforschungsinstitut IFES zeigt: Kassenpatient:innen sind insgesamt zufriedener mit ihrer Versorgung, als viele erwartet hätten – aber bei der Reform gibt es klare rote Linien.
Die Untersuchung wurde im Juni 2026 im Auftrag des Berufsverbands von 3.226 Patient:innen aus ganz Österreich durchgeführt und am Donnerstag präsentiert – unter anderem von führenden Mediziner:innen und Expert:innen.
Florian Mittermayer, Orthopäde und Präsident des Berufsverbands Fachärzt:innen Österreich kritisiert dabei deutlich die bisherige politische Debatte: "Alle betonen ihre Sorge um die Versorgung – jeweils aus Sicht von Bund, Ländern und Sozialversicherung. Zahlreiche Expert:innenpapiere werden geteilt und geleaked. Die 'normunterworfenen' Kassen-Patient:innen selbst fragt man aber vorsichtshalber nicht nach ihrer Haltung."
Die Ergebnisse fallen klar aus: 90 Prozent der Befragten sagen, dass sich ihre Kassenfachärztin bzw. ihr Kassenfacharzt ausreichend Zeit nimmt. 92 Prozent fühlen sich gut aufgeklärt und in Entscheidungen eingebunden. Und 88 Prozent haben ein stabiles Vertrauensverhältnis zu ihrer Ärztin oder ihrem Arzt aufgebaut.
Verena Niederberger-Leppin, Fachärztin für HNO-Heilkunde, betont: "Dieses Vertrauen ist das Ergebnis einer funktionierenden Versorgung. Und es ist nicht selbstverständlich." Auch die Wartezeiten werden erstaunlich positiv bewertet: 75 Prozent finden sie angemessen. Nur ein kleiner Teil fühlt sich wirklich belastet.
Von den über 3.000 Befragten kamen viele rasch zu Terminen: ein Drittel innerhalb von nur 0–3 Tagen, weitere innerhalb von zwei Wochen. Nur 2 Prozent mussten länger als vier Monate warten.
"Besonders hervorzuheben ist, dass in allen Bundesländern und Fachrichtungen Akuttermine für dringende Fälle vergeben werden. Im internationalen Vergleich sind die Wartezeiten auf Fachärzt:innentermine in Österreich kurz. Dass nur 14 Prozent der Patient:innen die Wartezeit als lang und 6 Prozent als zu lang empfinden, zeigt, dass es den Fachärzt:innen-Ordinationen gut gelingt, Termine entsprechend der Dringlichkeit zu vergeben", so Niederberger-Leppin.
Richtig deutlich wird die Stimmung bei einem politischen Reizthema: der sogenannten Überweisungspflicht. Obwohl 91 Prozent regelmäßig zur Hausärztin bzw. zum Hausarzt gehen, wollen 90 Prozent weiterhin direkt zum Facharzt gehen können.
Die Sorge ist groß, dass ein neues System die sogenannte Zweiklassenmedizin verschärfen könnte: 68 Prozent glauben, dass gut situierte Patient:innen weiterhin direkt privat gehen würden.
"Wer es sich leisten kann, wird dann direkt privat zur Fachärztin oder zum Facharzt gehen, alle anderen müssen zuerst zur Hausärztin bzw. zum Hausarzt", so Bonni Syeda, Fachärztin für Innere Medizin und Kardiologie und Generalsekretärin des Berufsverbands Fachärzt:innen Österreich.
78 Prozent der Befragten haben Angst, dass durch verpflichtende Überweisungen Krankheiten zu spät erkannt werden könnten – etwa Krebs.
Die zentrale Forderung der Expert:innen: weniger Hürden, mehr Steuerung – aber anders als bisher gedacht.
"Um die Versorgung zu verbessern und Kosten zu senken, braucht es eine gezielte Patient:innenlenkung – nicht weg von den Fachärzt:innen, sondern weg von den teuren Spitalsambulanzen. Eine starke Primärversorgung kann die Notfallambulanzen entlasten. Für die Entlastung der kostenintensiven Spezial- und Fachambulanzen der Spitäler braucht es jedoch die niedergelassenen Fachärzt:innen", so Syeda.